Förderprogramme für benachteiligte Jugendliche lohnen sich auch wirtschaftlich

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KÖLN. Bildungsbenachteiligte Kinder und Jugendliche haben ein hohes Risiko, das Bildungssystem ohne Abschluss zu verlassen. Dadurch sinken ihre Chancen am Arbeitsmarkt erheblich. Förderprogramme helfen nicht nur betroffenen Kindern und Jugendlichen, sie zahlen sich auch wirtschaftlich aus, ergab jetzt eine beispielhafte Berechnung der Universität zu Köln.

Individuelle Förderprogramme sind Investitionen in die Zukunft, die sich rechnen können.. Foto: Shutterstock

Noch immer verlassen jedes Jahr rund 130.000 junge Menschen in Deutschland das Bildungs- und Ausbildungssystem ohne Abschluss. Unter den 25- bis 34-Jährigen befinden sich entsprechend etwa 1,5 Millionen sogenannte bildungsarme Menschen. Ohne einen Ausbildungsabschluss ist es häufig schwierig, sich kurzfristig und meist auch langfristig am Arbeitsmarkt zu etablieren. Abgesehen von persönlichen Schicksalen entstehen daraus auch rein materielle Folgekosten für die öffentlichen Haushalte. Die Soziologin Jutta Allmendinger etwa schätzt diese auf rund 22.000 € für jeden Einzelfall, in Form von fehlenden Einnahmen aus Steuern und Abgaben sowie Transferzahlungen.

Interessante Ergebnisse liefert in diesem Zusammenhang eine Studie der Universität zu Köln: Zwei Jugendliche, die mithilfe eines Förderprogramms ihren Schulabschluss geschafft und einen Ausbildungsplatz bekommen haben, genügen demnach bereits, damit sich eine Fördermaßnahme auch wirtschaftlich lohnt. Das hat die Sozial- und Wirtschaftswissenschaftlerin Ina Berninger am Beispiel des Förderprojekts „Einsteigen – Aufsteigen“ des Kölner Gymnasial- und Stiftungsfonds durchgerechnet. Das Programm unterstützt Kinder und Jugendliche mit schulischen und sozialen Problemen im Raum Köln. Pro Durchgang nehmen 40 Jugendliche über vier Jahre an der Förderung teil. Die Kosten, die in einen Durchgang investiert werden, gleichen sich durch höhere Lohnsteuereinnahmen wieder aus, ermittelte Berninger, wenn nur zwei Jugendliche durch das Programm später in einem besser bezahlten Job arbeiten und von weniger Arbeitslosenzeit im Laufe ihrer Berufsjahre betroffen sind.

Die Studie veranschaulicht das anhand von zwei realen Beispielen aus dem Förderprogramm: In einem Fall fand eine Schülerin durch die Programmunterstützung einen Ausbildungsplatz und schloss später das Abitur und eine Laufbahn als Kriminalkommissarin an. Bei durchschnittlich 37,5 Erwerbsjahren und 2,5 Jahren Arbeitslosigkeit ergibt sich laut Berechnung eine positive Steuerbilanz von 335.551,91 Euro. Ohne die Förderung hätte die Schülerin – nach eigener Einschätzung – nur einen Hauptschulabschluss ohne anschließende Ausbildung gemacht und eine auf ihre Lebensarbeitszeit berechnete negative Steuerbilanz von -65.162,78 Euro erzielt.

Im zweiten Fall erreichte ein Schüler einen mittleren Schulabschluss mit anschließender Berufsausbildung anstelle eines Hauptschulabschlusses ohne spätere Berufsausbildung. Auf seine Erwerbsjahre berechnet ergibt sich hier eine positive Steuerbilanz von 230.933,76 Euro mit Ausbildung gegenüber einer Steuerbilanz von 27.618,82 Euro ohne Ausbildung.

Als Berechnungsgrundlage wurden in der Studie die durchschnittlichen Bruttoerwerbseinkommen und Lohnsteuereinnahmen nach Bildungsabschlüssen und Geschlecht anhand der Zahlen des nationalen Bildungsberichts 2012 sowie die Armutsgefährdung nach Bildungsabschlüssen und potenzielle SGB II-Bezüge verwendet. Die Kosten des Förderprogramms belaufen sich auf 332.758,80 Euro für einen Förderzeitraum von 4 Jahren mit 40 Jugendlichen.

Deckten im Beispiel die Personalkosten für eine pädagogische Fachkraft bereits den gesellschaftlichen Nutzen, ist sich Ina Berninger hinsichtlich der Übertragbarkeit ihrer Ergebnisse einiger Einschränkungen bewusst. So erzeugten etwa Förderangebote, die zu früheren Zeitpunkten im Bildungsverlauf ansetzen oder sich auf stark benachteilige Kinder und Jugendliche konzentrierten kurzfristig, höhere Personalkosten. Zukünftige Forschungsarbeiten zum Thema Bildungsinvestitionen sollten sich daher mit Förderangeboten beschäftigen, die zu früheren Zeitpunkten im Bildungsverlauf ansetzen. (zab, pm)

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3 Kommentare
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Georg
1 Monat zuvor

Da sind mir zu viele Konjunktive und zu viele Rechnungen für die Zukunft. Da es die Programme schon gibt, könnte man auch zurückblicken und genau die getätigten Aussagen überprüfen. So wirkt der Artikel eher wie eine Auftragsarbeit für die Branche der Sozialarbeiter.

potschemutschka
1 Monat zuvor
Antwortet  Georg

Genauso sehen es die meisten unserer Politiker. Geld, welches ins Bildungssystem investiert wird, rechnet sich erst nach vielen Jahren. Politiker wollen schnell sichtbare Erfolge, um nach 4 Jahren wiedergewählt zu werden. Deshalb will auch keiner den Posten in der Bildung. Auf der anderen Seite ist der Bildungsbereich auch der, wo man am besten sparen kann. Das fällt ebenfalls erst viele Jahre später auf und da ist dann jemand anderes in Amt und Würden.

D. Orie
1 Monat zuvor

Vielen Dank, sehr interessant!