Den Klimawandel verstehen: Warum Bildung für nachhaltige Entwicklung so wichtig ist

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BERLIN. Viele klimainteressierte Menschen pendeln zwischen Hoffnung und der Sorge vor der Apokalypse. Dem Forscher Mojib Latif, der sich seit Jahrzehnten mit dem Problem des Klimawandels befasst, geht es da nicht anders. Die Botschaft seines neuen Buches: Es eilt. In Berlin wird unterdesssen morgen der „Nationale Preis – Bildung für nachhaltige Entwicklung“ verliehen. Unter den Nominierten ist auch eine Schule.

Auf den Fridays-for-Future-Demos engagieren sich Kinder und Jugendliche für den Klimaschutz – wie wichtig das ist, zeigt ein neues Buch des Klimaforschers Mojib Latif. Foto: Shutterstock / FooTToo

In den vergangenen Jahren sind viele Bücher über die Klimakrise und ihre verheerenden Folgen für die Menschheit geschrieben worden. Darunter waren überaus wichtige Beiträge wie Michael Manns «The New Climate War» und «Deutschland 2050» von Nick Reimer und Toralf Staud, aber auch kontrovers diskutierte Werke wie Bill Gates‘ «Wie wir die Klimakatastrophe verhindern». Nun meldet sich auch der deutsche Klimaforscher und Meteorologe Mojib Latif erneut mit einem Buch zur globalen Krise zu Wort – und lässt darin keinen Zweifel an der Dringlichkeit von mehr Klimaschutz.

«Countdown» heißt das Werk, das der Herder Verlag in dieser Woche in den Buchhandel gebracht hat. Der Untertitel spricht Bände: «Unsere Zeit läuft ab.» Latif nimmt seine Leserinnen und Leser mit auf «die planetare Geisterfahrt», vor der der Club of Rome schon vor einem halben Jahrhundert gewarnt habe. Passenderweise ist Latif nicht nur Professor am Kieler Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung, sondern auch Präsident der Deutschen Gesellschaft des Club of Rome. Kurzum: Der 67-Jährige weiß, wovon er schreibt.

«Der Klimawandel besitzt ein enormes Gefahrenpotenzial, und dies überall auf der Welt»

Leider ist all das nicht wirklich stimmungsaufhellend, was Latif über das Klima zu berichten weiß. Neu sind all diese Erkenntnisse nicht, die meisten davon bereits jahrzehntealt. Doch nicht zuletzt die Waldbrände und Überschwemmungen in aller Welt, die jüngste Hitzewelle in Indien oder auch die Flutkatastrophe im Ahrtal 2021 sind Belege dafür, dass mit dem Klimawandel zusammenhängende Extremereignisse Menschen auf dem ganzen Planeten treffen. «Der Klimawandel besitzt ein enormes Gefahrenpotenzial, und dies überall auf der Welt», schlussfolgert Latif. «Überall» schließt auch Deutschland ein.

Umso unverständlicher ist da auch für Latif, dass das nötige Handeln im Kampf gegen die drohende Klimakatastrophe weiterhin aufgeschoben wird. «Warum kommen wir nicht vom Wissen zum Handeln?», fragt er sich. Tja, warum eigentlich nicht? In Corona-Zeiten und in der Reaktion auf Russlands Angriffskrieg in der Ukraine wurde letztlich bewiesen, dass Regierungen schnell und manchmal sogar gemeinsam auf immense Krisen reagieren können.

Beim Klima jedoch, da werden Latif unzählige weitere Experten zustimmen, da hapert es genau an diesem schnellen und gemeinschaftlichen Handeln. «Wenn man die Maßnahmen als Maßstab anlegt, die bisher ergriffen worden sind, muss man sagen: Die Menschheit reagiert viel zu langsam auf das Klimaproblem», schreibt er. Einige Regierungen bestritten, verharmlosten oder ignorierten noch immer, was vor sich gehe – und das, obwohl ein ungebremster Temperaturanstieg zu einer Destabilisierung der Welt und endlosem menschlichen Leid führen würde, wie er warnt.

«Der Mensch bewegt sich nur unwillig in neue Richtungen, wenn er erst einmal einen gewissen Wohlstand erreicht hat»

Woran liegt das? «Der Mensch ist ein Gewohnheitstier und bewegt sich nur unwillig in neue Richtungen, wenn er erst einmal einen gewissen Wohlstand erreicht und es sich in seiner Komfortzone bequem gemacht hat», schreibt Latif. Helfen werde nur ein grundlegender technologischer und kultureller Wandel.

Damit sich mehr tut, braucht es mehr Wissen. Das liefert der Autor mit Bravour. Wasserdampf, Jetstream, Kipppunkte, all solche wichtigen Dinge nimmt Latif unter seine wissenschaftliche Lupe. Er erklärt die Absurdität der deutschen Debatte über ein Tempolimit und zeigt mit gleich sieben Begründungen auf, warum die Atomkraft «im Sinne des Klimaschutzes völlig kontraproduktiv» sei.

Manchmal wiederholt er sich, aber das macht nichts. Da die Wissenschaft vom Klima nun mal kein Ponyhof ist, muss man manches sowieso doppelt lesen, um es zu begreifen. «Countdown» ist somit kein Pageturner, aber gerade deshalb ein wichtiges, aufklärendes Buch. Bleibt nur zu hoffen, dass es nicht nur von Klimafreunden gelesen wird, sondern auch von solchen, die es werden wollen. Und erst recht von der Politik.

Letztlich liefert Latif einen rund 220 Seiten langen Appell für mehr Klimaschutz. «Wir müssen komplett umdenken. Alte Denk- und Verhaltensweisen funktionieren nicht mehr», schreibt er. Das gelte für jeden Einzelnen wie für große Teile der Wirtschaft und insbesondere der Politik. Die CO2-Uhr ticke gnadenlos, und Russlands Angriff auf die Ukraine habe zudem in aller Deutlichkeit gezeigt, wohin es führe, wenn nur wirtschaftliche Erwägungen in der Politik eine Rolle spielten. Es brauche Mut zum Aufbruch, der auch Mut zum Scheitern einschließe. Es bleibt eine eindringliche Erkenntnis, dass Verdrängung keine Probleme löst. «Wir müssen endlich aufwachen.» Von Steffen Trumpf, dpa

Preisverleihung: Bildung für nachhaltige Entwicklung

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) vergibt am morgigen 18. Mai 2022 in Berlin gemeinsam mit der Deutschen UNESCO-Kommission den „Nationalen Preis – Bildung für nachhaltige Entwicklung“ im Rahmen einer Gala. Der Preis würdigt Akteurinnen und Akteure, die Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) qualitativ hervorragend und in ihrer gesamten Struktur umsetzen und BNE in die Gesellschaft tragen. Unter den Nominierten ist auch eine Schule: das Friedrich-von-Alberti-Gymnasium aus dem baden-württembergischen Bad Friedrichshall.  

Dort engagiert sich ein „changemaker-Team“ mit mehr als 50 Schülerinnen und Schülern von den Klasse 5 bis 12 für das Thema Nachhaltigkeit. Die Gruppe unterstützt auch andere Schulen in der Entwicklung zu mehr Umweltbewusstsein. 2019 organisierten die changemaker einen Jugendgipfel in Heilbronn mit 1100 Schülerinnen und Schülern. Aktuell planen sie einen Internationalen Jugendgipfel bei den Vereinten Nationen in Genf im Juli 2023 mit fünf Ländern.

Im Rahmen des UNESCO-Programms „Bildung für nachhaltige Entwicklung – Die globalen Nachhaltigkeitsziele verwirklichen“ (BNE 2030) wird der Preis in diesem Jahr erstmalig vergeben. Eine Jury von Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Wirtschaft, öffentlichem Leben und Zivilgesellschaft wählt in den Kategorien „BNE-Lernorte“, „BNE-Multiplikatorinnen und Multiplikatoren“, „BNE-Bildungslandschaften“ und „BNE-Newcomer“ insgesamt zehn Preisträgerinnen und Preisträger aus, deren Engagement mit jeweils 10.000,- Euro und einem professionell gestalteten Video über ihre Projekte gewürdigt wird. Die Gewinnerinnen und Gewinner werden zudem Teil eines Netzwerks herausragender Bildungsinitiativen.

Die Bewerbungsphase für 2023 startet voraussichtlich im Sommer 2022.
Bewerben können sich neben Kitas, Schulen und Hochschulen auch Unternehmen, Vereine, Netzwerke, Zusammenschlüsse von Kommunen und Zivilgesellschaft sowie Einzelpersonen, die mit BNE dazu beitragen, die Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen bis 2030 zu erreichen.

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Georg
6 Monate zuvor

Ich glaube nicht, dass Bildung in dem Sinne, wie sie sein sollte, im Sinne der Klimaaktivisten ist. Von denen dürften die wenigsten Klimatologen, Mathematiker, Geophysiker o.ä. fertig studiert haben. Aber gerade das bzw. auf Schule reduziert echte Mathematik, Physik, Chemie, Informatik, Biologie, ist notwendig, um in dieser schnelllebigen Welt Propaganda von Fakten unterscheiden zu können.