Digitalisierung der Schulen: Studie im Philologen-Auftrag warnt vor „utopischen Projektionen“

4

DÜSSELDORF. Ein Gutachten im Auftrag des Philologenverbands NRW sieht – bislang – keine klaren Belege dafür, dass der Einsatz digitaler Medien in der Schule zu wirklich besseren Leistungen führt. In der Debatte um die schulische Digitalisierung gehe es bislang vor allem um datenschutzrechtliche, technische oder arbeitsökonomische Aspekte, bemängelt der Verband und fordert, die pädagogischen Aspekte stärker in den Blick zu nehmen.

Ein verstärkter Einsatz von digitalen Medien in den Schulen ist einem Gutachten zufolge bisher nicht mit deutlich besseren Lernergebnissen einhergegangen. In der politischen Debatte kursierten teilweise «spekulative, wenn nicht utopische Projektionen über die segensreichen Wirkungen der Digitalisierung», heißt es in einer Analyse im Auftrag des Philologenverbands NRW. Dass sich auch die Schulen der Digitalisierung stellen müssten, sei unstrittig, schreibt darin der Heidelberger Pädagoge Karl-Heinz Dammer. Allerdings sollten Ausmaß und genaue Zielrichtung der schulischen Digitalisierung «ergebnisoffen» diskutiert werden.

junge mit VR-Brille in einer virtuellen UMGebung mit Büschen, Strichcodes und Zahlenreihen
Der Philologenverband NRW fordert eine verstärkte pädagogische Betrachtung der schulischen Digitalisierung. Die Lehrkraft als den Unterricht strukturierende und leitende Person lasse sich durch kein Medium ersetzen. Foto: Shutterstock

Der Pädagoge betonte, die bisherigen «empirischen Ergebnisse zu Lerneffekten fallen keineswegs so eindeutig positiv aus, wie sie es müssten, um die Forderung nach einer umfassenden Digitalisierung hinreichend zu rechtfertigen». Auch jene, die «eine Digitalisierung der Schule grundsätzlich fordern», kommen Dammer zufolge «nicht um die ernüchternde Feststellung herum, dass eine verstärkte Digitalisierung bisher nicht zu besseren Lernergebnissen geführt» habe. Die Forschung zu den Effekten des Lernens mit digitalen Medien sei noch nicht ausreichend, meinte der Gutachter von der Pädagogischen Hochschule Heidelberg.

Dammer hat die Digitalisierungsstrategie der deutschen Bildungspolitik in den Blick genommen und bezieht sich nach eigenen Angaben vor allem auf Ziele des Landes NRW und der Kultusministerkonferenz (KMK). Konkret gehe es um ein «Impulspapier II» des NRW-Schulministeriums (2022) und KMK-Empfehlungen zum «Lehren und Lernen in der digitalen Welt» von Ende 2021.

Die Landesvorsitzende des Philologenverbands (PhV NRW), Sabine Mistler, mahnte: «Wir müssen nicht nur über die unbestrittenen Vorteile und Chancen von Digitalisierung sprechen, sondern auch ihre Grenzen und Fehlentwicklungen benennen.» Der Einsatz digitaler Medien und Methoden müsse wissenschaftlich begleitet werden, um den «tatsächlichen Nutzen zu eruieren». Sie forderte «einen ehrlichen und offenen Diskurs – ohne Entwicklungen bremsen oder blockieren zu wollen». Der Verband vertritt Lehrkräfte an Gymnasien und Gesamtschulen.

Lernspiele im shop.4teachers.de

«Wir müssen nicht nur über die unbestrittenen Vorteile und Chancen von Digitalisierung sprechen, sondern auch ihre Grenzen und Fehlentwicklungen benennen»

Der PhV NRW habe das Gutachten im Frühjahr 2022 in Auftrag gegeben, um das Thema schulische Digitalisierung «mit der pädagogischen Brille» zu betrachten, sagte. Bisher sei es in der Debatte hingegen häufig vor allem um datenschutzrechtliche, technische oder arbeitsökonomische Aspekte gegangen. «Die Frage aber, was Digitalisierung mit Schülerinnen und Schülern und den Lehrkräften macht, wird selten, wenn nicht sogar überhaupt nicht thematisiert.»

In seiner Analyse schreibt Dammer, Schülerinnen und Schüler sollten den Umgang mit digitalen Medien als neue Kulturtechnik beherrschen können. Deren Einsatz könne sehr bereichernd für den Unterricht sein. Er hat aber aus seiner Sicht auch Grenzen: So sei der Einsatz digitaler Medien etwa bei komplexen Aufgabenstellungen schwieriger.

Und: «Die Lehrkraft als den Unterricht strukturierende und leitende Person lässt sich durch kein Medium ersetzen», unterstrich Dammer, der früher selbst Lehrer war. Vor allem leistungsschwächere Kinder und Jugendliche bräuchten Lehrkräfte, die ihnen «beim Aufbau kognitiver Strukturen zum Verständnis der Fachinhalte helfen».

Der kürzlich von der KMK vorgestellte IQB-Bildungstrend zeigt, dass Viertklässler in NRW in ihren Kompetenzen in Deutsch und Mathe im Fünf-Jahres-Vergleich deutlich zurückgefallen sind. Inzwischen schafft etwa jeder Fünfte vor dem Übergang auf die weiterführende Schule beim Lesen nicht den Mindeststandard. Mit der Rechtschreibung hat jeder dritte Viertklässler erhebliche Probleme. News4teachers / mit Material der dpa

Hier lässt sich die komplette Studie herunterladen: https://phv-nrw.de/2022/09/30/gutachten-die-digitale-welt-im-diskurs/

Ist die Digitalisierung der Schulen nutzlos? Falsch! Auf die Lehrkraft kommt es (auch dabei) an – ein Kommentar

Anzeige


Abonnieren
Benachrichtige mich bei

4 Kommentare
Älteste
Neuste Oft bewertet
Inline Feedbacks
View all comments
Carsten60
3 Monate zuvor

Hier steht der Beitrag, um den es geht:
https://phv-nrw.de/2022/10/19/gutachten-zeigt-schwachstellen-bei-digitalisierung-von-schulen/
Man kann den eigentlichen Bericht (42 Seiten lang) jedenfalls von dort aus anklicken (kleines blaues Fenster unten „Die Digitale Welt im Diskurs“). Man beachte besonders die Seite 37, linke Spalte. Dort wird der verbreitete rhetorische Trick dokumentiert, der Digitalisierung nur positive Attribute zuzuordnen, während alles Herkömmliche mit negativen Attributen versehen wird.

Georg
3 Monate zuvor

Das ist die logische Konsequenz, wenn ein Rest von Leistungsorientierung (Philologen) auf Digitalisierung um ihrer selbst wegen trifft.

Dil Uhlenspiegel
3 Monate zuvor

Sh*t, jemand hat’s gemerkt! Eine neue Sau muss her …mmh … Entdigitalisierung! Zack, fertig.

Domihansa
3 Monate zuvor

Ich bin sonst wahrlich kein Fan der Philologen, aber dieser Bericht spricht mir aus der Seele. Alle tun so, wie wenn die komplette Digitalisierung von Schulen ein Selbstzweck und eine logische Entwicklung wäre – dabei nützt sie (mal wieder) am meisten denjenigen, die mit der technischen Ausstattung ihr Geld verdienen.
Die eindeutigen Erkenntnisse der Hirnforschung über die (negativen) Effekte der übermäßigen Nutzung digitaler Geräte von jüngeren Kindern werden dabei außer Acht gelassen.
Und damit möchte ich nicht bestreiten, dass weiterführende Schulen z.B. eine anständige WLAN-Ausstattung sowie Beamer, Dokumentenkamera etc. in den Klassenzimmern benötigen. Aber wie Herr Dammer sagt – jede digitale Ausstattung muss auch pädagogisch Sinn machen!