„Das Bildungssystem wird mehr und mehr zu einem Instrument der Exklusion“

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HALLE. Grenzen der Zugehörigkeit? Laut Ethnologin Annika Lems erfülle sich für viele Geflüchtete die Hoffnung von „Integration durch Bildung“ im Bildungssystem nicht. Selbst bei denjenigen, denen die Aufnahme gelungen ist, sei der erhoffte soziale Aufstieg häufig verbaut.

Als 2015 Tausende Geflüchtete nach Europa kamen, waren die Solidarität groß und die Hilfsangebote vielfältig. Besonders unbegleitete Kinder und Jugendliche wurden mit Empathie empfangen. Für sie wurden besondere Angebote entwickelt, mit denen große Hoffnungen auf eine schnelle Integration durch Bildung verbunden waren. Die Ethnologin Annika Lems hat 16 junge Geflüchtete begleitet und in ihrem im Juli 2022 erschienen Buch beschrieben, warum sich das Versprechen auf Integration durch Bildung für viele der Jugendlichen nicht erfüllt habe und wie bürokratische Hürden den Anspruch auf Vielfalt und Teilhabe konterkarierten.

Junger Mann sitzt auf einer heruntergekommenen Mauer, im Hintergrund Hochhäuser.
Viele jugendliche Geflüchtete scheitern am Bildungssystem, befindet die Max-Planck-Instituts-Ethnologin Annika Lems. Foto: Redd F / Unsplash.com (U. L.)

Aufstieg durch Bildung – das falsche Versprechen

Die gesellschaftliche Integration von Geflüchteten hat sich für Europa spätestens seit 2015 zu einer politischen Daueraufgabe entwickelt, über die hoch emotional und überaus kontrovers diskutiert wird. Diese Situation hat eine Fülle wissenschaftlicher Studien hervorgebracht, die sich mit sozialen, rechtlichen und humanitären Aspekten der weltweiten Fluchtbewegungen beschäftigen. „Trotz all dieser Forschungsprojekte gibt es aber kaum fundierte wissenschaftliche Erkenntnisse über das Leben von unbegleiteten Kindern und Jugendlichen in Europa“, sagt Lems, Forschungsgruppenleiterin am Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung.

In ihrem Buch beschreibt sie den Weg von 16 jungen Menschen aus Eritrea, Guinea und Äthiopien durch das Schweizer Bildungssystem. „Schulpflichtige Kinder und Jugendliche unterliegen einer besonderen staatlichen Fürsorgepflicht, denn sie haben einen rechtlichen Anspruch darauf, in das staatliche Bildungssystem aufgenommen zu werden“, erklärt Lems. Die Ethnologin hat auf der Basis eines dreijährigen Forschungsprojekts an der Universität Bern im Detail analysiert, wie die integrative Stimmung im Jahr 2015 immer mehr in eine restriktive Praxis umgeschlagen sei. Dadurch sei inzwischen selbst denjenigen, denen die Aufnahme in das Bildungssystem gelungen ist, der erhoffte soziale Aufstieg häufig verbaut.

Inklusive Exklusion – die unsichtbaren Grenzen

„Meine Fallstudie ist in der Schweiz entstanden, aber überall in Europa lassen sich ganz ähnliche Tendenzen feststellen: Das Bildungssystem wird mehr und mehr zu einem Instrument der Exklusion, das frühzeitig dazu dient, darüber zu entscheiden, wer dazu gehört und wer draußen bleiben muss“, sagt Lems. Gerade die besondere Schutzbedürftigkeit von Kindern und Jugendlichen und die daraus folgenden Rechte haben im Laufe der Zeit zu großem Misstrauen geführt, denn hinter jedem Jugendlichen könnte sich ja auch ein volljähriger – in populistischen Diskursen als „Schein- oder Wirtschaftsmigrant“ bezeichneter – Betrüger verbergen, der sich ins europäische Sozialsystem einschleichen will. „Wer es dennoch schafft, in eine reguläre Schule aufgenommen zu werden, muss dann ständig beweisen, dass er dieses Privileg auch wirklich verdient und nicht vielleicht doch zu einem Problemfall wird, der dem Steuerzahler auf der Tasche liegt“, erklärt Lems. „Diese ständige besondere Beobachtung schafft nahezu unsichtbare Grenzen mit der Folge, dass die Jugendlichen nie richtig dazugehören. Sie bleiben innerhalb des Systems ausgeschlossen.“ Diese Praxis führt dazu, dass viele Jugendliche resignieren oder rebellieren, was wiederum neue Grenzziehungen zur Folge hat.

Inklusion durch Bildung – verpasste Chancen

Trotz aller Kritik am Umgang mit unbegleiteten Kindern und Jugendlichen, die Annika Lems anhand ihrer Beobachtung des Schulalltags beschreibt, bleibt dennoch auch Hoffnung. Denn inzwischen haben alle 16 Jugendlichen eine Berufsausbildung abgeschlossen und sind Mitglieder der Schweizer Gesellschaft geworden. „Aber der Weg dorthin war holprig und viel schwerer als er hätte sein müssen“, sagt Lems.

Und bei allen Bemühungen um Integration werden eben auch Chancen verpasst. Annika Lems: „Einer der Jugendlichen aus Eritrea kam mit einer hervorragenden Schulbildung in die Schweiz. Er war sehr ehrgeizig und träumte davon, aufs Gymnasium zu gehen und Medizin zu studieren. Aber dieser Wunsch passte einfach nicht ins Raster seiner Betreuer und Lehrer. Es hat ihm einfach niemand zugetraut, dass er es auf eine Universität schaffen würde, obwohl er alle Voraussetzungen dafür mitgebracht hat.“ Stattdessen wurde ihm nahegelegt, eine Lehre als Kunststofftechnologe zu machen. Diese hat er erfolgreich abgeschlossen und arbeitet heute in einem Unternehmen, das medizinische Produkte herstellt. „Man kann also nicht sagen, dass Inklusion durch Bildung gar nicht funktioniert, aber es wird durch die gegenwärtige Praxis, die Gelegenheit versäumt, viele junge Menschen zu hochqualifizierten Fachkräften auszubilden. Und das können sich die europäischen Gesellschaften eigentlich nicht leisten. (zab, pm)

  • Annika Lems‘ Buch “Frontiers of Belonging: The Education of Unaccompanied Refugee Youth “ ist bei Indiana University Press erschienen.

Bildungsintegration geflüchteter Jugendlicher: Es kommt darauf an, wo man wohnt

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Ron
17 Tage zuvor

Deutschland ist eines der wenigen Länder auf dieser Welt, in denen Schul- und Universitätsbildung komplett kostenlos sind. Es gibt zudem diverse Unterstützungsangebote, die von Geldleistungen, Hilfspaketen bis zu fachlichen Hilfestellungen gehen. Schüler auf Harz4 haben sogar Anspruch auf Nachhilfegutscheine, Studenten können Bafög beziehen. Unbegleitete jugendliche Flüchtlinge werden von Betreuern in Kleingruppen, die wie Familien organisiert sind, betreut. Wir investieren dabei als Gesellschaft meiner Erinnerung nach ca. 5.000€ pro Monat in diese Heranwachsenden. Auch in den Schulen gab es in Zeiten der großen Flüchtlingswelle und jetzt bei den ukrainischen Menschen spezielle Hilfsangebote. Ich kann es langsam nicht mehr verstehen, dass alles immer zu wenig sein soll. Wo ist denn die Spezialunterstützung für unsere eigenen Kinder? Und warum werden hier schweizer Verhältnisse – die ich nicht kenne – einfach auf deutsche übertragen? „…ähnliche Tendenzen lassen sich in ganz Europa feststellen.“ Ist das so? Ich höre immer, dass die Schweizer Gesellschaft auch deutschen Einwanderern nicht immer ganz unvoreingenommen gegenübertritt. Dass der Bildungsverlauf dieses Jugendlichen dann gleich eine „Fallstudie“ sein soll, muss ich auch nicht verstehen.

447
15 Tage zuvor
Antwortet  Ron

„Ethnologin“ (Fach, Person, man erinnere sich an die Unizeit…) „begleitet“ Flüchtlinge…. mal ehrlich, das Ergebnis ist doch völlig absehbar:

Die Frau macht einen praktisch 100% ideologiebetriebenen Job (der ausserhalb des NGO- und Staatsektors schlicht überflüssig ist)… die will auch überleben, Geld verdienen… was wird sie wohl schreiben?

Würde sie auch nur eine Zeile, ein Ioata von dem jahrzehntelangem Narrativ des „Böse-böse Gesellschaft tut immer noch zu wenig, mehr-mehr-mehr!“ abweichen, würde sie…
1. Nie wieder irgendwo veröffentlichen können
2. Sozial vernichtet werden
3. In „ihren Kreisen“ (–> Ethnologin) eine Ausgestossene werden

Carsten60
17 Tage zuvor

Weil man die individuellen Schicksale von 16 Leuten aus Schwarzafrika untersucht hat, von denen dann manche nicht Medizin studieren konnten, kann man ja wohl nicht die Behauptung ableiten, dass das gesamte System „immer mehr“ auf Exklusion ausgerichtet sei. Wie war’s denn vorher? Nach 1945 hatten es auch Flüchtlinge aus den deutschen Ostgebieten schwer, in der neuen Heimat Fuß zu fassen wenngleich sie ja keine Ausländer waren. Nach der Wende wurde viel geklagt über die schlechten Chancen der „Ossis“. Jetzt zu erwarten, alle Leute aus der weiten Welt könnten innerhalb von wenigen Jahren in der Schweiz eine Karriere machen, ist ja wohl überspannt. „Die integrative Stimmung“ schlägt um, das könnte einfach an den schieren Zahlen von Zuwanderern liegen und nicht an dem Schulsystem als solchem. In der Schweiz gab’s schon vor Jahrzehnten Wahlplakate mit „das Boot ist übervoll“, will sagen, es gibt zu viel Zuwanderung. Das meinte auch die Zuwanderung aus Deutschland, Frankreich, Österreich, Italien usw.

vhh
17 Tage zuvor

Keine Studie, sondern ganze 16 beispielhafte Wege, jeweils über drei Jahre verfolgt, beschränkt auf das „allgemein gültige“ Beispiel Schweiz. Daraus ergeben sich dann pauschale Aussagen zum Bildungssystem in Europa als Instrument (also zielgerichtet genutztes) Werkzeug der Exklusion. Kurz aus dem Turmfenster blicken und die holprigen, gewundenen Wege sozial benachteiligter Jugendlicher verfolgen. Gibt es vielleicht noch andere Gründe als gezielte Benachteiligung? Wie viele Arbeiterkinder erreichen nur durch Bildung berufliche Ziele? Die meisten berichten, dass die mangelnde Kenntnis der sozialen Codes absolut ausreicht, um nicht richtig dazuzugehören.
Ich habe in der Schule noch nie erlebt, dass jemand beweisen musste, dieses Bildungsangebot „wert“ zu sein, kenne niemand die/der nicht ins reguläre Schulsystem aufgenommen wurde, im Gegenteil: Schulbesuch auch mit minimalen Sprachkenntnissen ist die Regel. Was steht da denn für ein seltsames Bild vom Schulsystem und den Beteiligten dahinter? Bei einer Chance auf Oberstufe/Abitur wird (sicher nicht nur bei uns) eher positiv entschieden und Potential statt momentane Performance gesehen. Im Hinblick auf diese tägliche, mühsame Kleinarbeit und den Kampf um jeden Abschluss (und Ausbildungsmöglichkeiten), gerade bei unseren Geflüchteten, finde ich diese globalen Aussagen billig und publicitysüchtig, aber vielleicht fördert es den Citation Index.

Im Ernst?
17 Tage zuvor

Zu Ron und Carsten:
Ist es euch nicht peinlich, hier Mal wieder gegen Flüchtlinge zu hetzen? Meint ihr im Ernst, dass das unser Problem ist? Bekommt ihr überhaupt irgendwas mit, was hier läuft?
Es wird versucht, die Ärmsten gegen die Armen auszuspielen, während es immer mehr Leute gibt, die nicht mehr wissen wohin mit ihrem Geld. Und ihr lasst euch da vor den Karren spannen und polemisiert mit, wie in den dunkelsten Zeiten dieses Landes. Schämen solltet ihr euch.

Jörg H.
16 Tage zuvor
Antwortet  Im Ernst?

Keinem muss sachliche Meinung peinlich sein. Unangebracht und peinlich ist vielmehr, wenn jemand hinter unerwünschten Sachargumenten den moralischen Pferdefuß sucht und ihn notfalls auch unterstellt, wenn er ihn nicht finden kann.

Carsten60
16 Tage zuvor
Antwortet  Jörg H.

Gerade in der kleinen Schweiz scheint es tatsächlich so zu sein, dass das Volk eine allzu extensive Zuwanderung nicht gerne sieht, auch nicht aus Deutschland (wobei die Deutschen ja keine Flüchtlinge sind, sondern z.B. Ärzte, die in der Schweiz einen besseren Job bekommen als in D). Das habe ich von verschiedenen Schweizern gehört. Man darf dieses subjektive Empfinden nicht außer Acht lassen. In Luxemburg mit 47,2 % Ausländeranteil (lt. Wikipedia) gibt es ein ähnliches Problem, auch in den Schulen. Man kann doch den Leuten nicht befehlen, wie sie zu denken haben. Laut Wikipedia ist der Wahlspruch in Luxemburg „Mir welle bleiwe wat mir sinn“.

Martina
16 Tage zuvor
Antwortet  Im Ernst?

Ich denke im Ernst, dass sich keiner für etwas schämen muss, was er weder gesagt noch getan hat.
Bei falscher und übler Nachrede sollte sich der Verleumder schämen, aber nicht der Verleumdete.

DerechteNorden
17 Tage zuvor

Nichts für ungut, aber meint die Autorin denn, dass die Kids wegen der guten Bildung zu uns geschickt werden?
Es ist nachvollziehbar, dass Menschen überall auf der Welt irgendwie versuchen, ein besseres Leben zu haben. In manchen Gegenden auf der Welt sieht es sehr schlecht für arme Familien aus. Das ist dann der Grund dafür, dass sie einen Sohn – häufig gegen seinen Willen – losschicken, damit er einen Weg findet, die Familie zuhause zu versorgen. Und das hat dann zur Folge, dass wir hier lauter unglückliche junge Menschen zu versorgen haben, die eigentlich gar nicht hier sein wollen, die aufgrund ihrer Gesamtsituation so beeinträchtigt sind, dass sie gar nicht wirklich „ankommen“ und sich gut entwickeln können.

Wir haben viele deutschstämmige Kinder, die wissen, wie es hier bei uns läuft, und die Sprache sprechen, die aber trotzdem keine Chancen haben. Dass es da viele junge Menschen mit anderen Hintergründen erst recht nicht schaffen, sollte doch auf der Hand liegen und niemanden verwundern.
Nimmt man jetzt noch all die anderen Missstände im deutschen Schulsystem (Lehrkräftemangel, zu große Lerngruppen usw.) hinzu, dann sollte jeder halbwegs vernunftbegabte Mensch mit seiner Kritik ganz woanders ansetzen.

Georg
16 Tage zuvor
Antwortet  DerechteNorden

Hartz IV ohne nennenswerte Sanktionen bei Verstößen ist für viele Menschen bereits ein gutes Leben.

DerechteNorden
15 Tage zuvor
Antwortet  Georg

Glauben Sie wirklich, dass das so ist, wenn man sich fremd fühlt, aber nicht nachhause kann?

Georg
15 Tage zuvor
Antwortet  DerechteNorden

Wenn man genügend viele Landsleute im Umfeld hat, fühlt man sich zuhause, auch wenn es nicht die direkte Verwandtschaft ist.

447
15 Tage zuvor
Antwortet  DerechteNorden

Ohne „Georg“ zu sein, stelle ich mal folgende Rückfrage als Denkanreiz:

Haben Sie die typischen Ursprungs- und/oder Transitländer mal ***ausserhalb touristischer Zonen*** mal besucht?

Ich habe einige (und noch eher harmlose) hinter mir. Alleine schon die Impfungen…
Machen Sie sich mal vor Ort ein Bild… in diesem Sinne meine Stellvertreterantwort:
Schon im Balkan ausserhalb von Tourigebieten oder im relativ zivilisierten Nordafrika (ausserhalb der Hauptstadt/Tourizone) herrschen Zustände, die ihre eher philosophischen, identitätspolitischen Fragen – und im Vergleich dazu die hiesige Vollversorgung- als WITZ erscheinen lassen.

Solche Fragen wie „Oh weh, fühle ich mich soziokulturell wohl?“ sind den Menschen dort völlig und absolut fremd.

Georg
15 Tage zuvor
Antwortet  447

Danke. Genau diese Blickweise wird mir immer und insbesondere von der Redaktion als Rechtsaußen ausgelegt.

Carsten60
15 Tage zuvor
Antwortet  447

Wenn das stimmt, was Sie sagen, warum wird uns dann regelrecht eingehämmert, ALLE Balkenländer müssten doch in die EU? Mit der EU-weiten Freizügigkeit dürfen dann auch alle dortigen Staatsbürger nach Deutschland kommen (zur Zeit gibt es bei uns 84 Mill. Einwohner), offiziell nur zum Arbeiten, aber inoffiziell gibt es ein paar Tricks. Tatsache scheint zu sein, dass gerade auf dem Balkan die unterschiedlichen Ethnien einander spinnefeind sind (und das kontinuierlich seit Jahrhunderten). Man vergleiche die Posse um Autokennzeichen im Kosovo. Woran also soll sich die „Reife“ bemessen, in die EU aufgenommen zu werden?

447
14 Tage zuvor
Antwortet  Carsten60

Das kann ich Ihnen (als deutscher Staatsbürger mit Herkunft „wilder Osten“, von wo meine Großeltern nicht ohne Grund geflüchtet sind) beim besten Willen nicht beantworten.
Jedenfalls nicht so, dass… na, Sie wissen schon.

Martina
15 Tage zuvor
Antwortet  DerechteNorden

Es gibt zweifellos Menschen, die nicht nach Hause können, nicht zuletzt durch den Ukraine Krieg.
Es gibt aber auch Menschen, die nicht nach Hause wollen, die ihre wahre Herkunft verschweigen und sogar ohne Papiere gekommen sind oder sie verstecken, damit ihr Zuhause nicht identifiziert wird und sie nicht abgeschoben werden können. Diese Menschen lassen Sie unter den Tisch fallen.

Ich mag nicht, wenn einseitig und möglichst „herzergreifend“ argumentiert wird.
Das behindert sachlich geführte Diskussionen, die zur Lösung von Konflikten und zur Vermeidung von Missbrauch absolut notwendig sind.

DerechteNorden
15 Tage zuvor
Antwortet  Martina

All die jungen Männer, die Ihnen, Georg und Jon und einigen anderen immer so auffallen, können nicht nachhause.
Es wird immer komplett ignoriert, wie es für die ist, daher habe ich es beschrieben. Die KÖNNEN tatsächlich nicht zurück, weil es zum Gesichtsverlust der gesamten Familie und ihrer eigenen Ächtung führen würde.
Meinen Sie denn, die wollen alle verhaltensauffällig usw. werden und haben alle Lust darauf, sich in die Hände von dubiosen „Geschäftsleuten“ zu begeben, um von denen ausgenutzt zu werden?

Eine differenziertere Wahrnehmung würde Ihnen und den anderen nicht schaden.
Nein, ich will auch nicht, dass alle, die wollen, zu uns kommen sollen, aber dass es diesen Menschen bei uns tatsächlich – insbesondere seelisch – gut geht, sollten auch Sie einmal hinterfragen, bevor Sie wieder alle auf diese doch sehr mit Vorurteilen behaftete Art verurteilen.

447
14 Tage zuvor
Antwortet  DerechteNorden

Kleine Familienanekdoten zum Feierabend:
Meine (noch hochbetagt) aus einer entsprechenden Zone geflüchteten Großeltern konnten meinen mitgeflüchteten Eltern (und später mir) komischerweise auf ganz einfache Art vermitteln, wie man in der Bundesrepublik prima zu Rande kommt.

Sie fragen sich sicher, mit welchem Zaubermitteln dies geschah… wo doch allerorten hochkomplexe Megadiskriminierung herrscht und so… und ich verrate es Ihnen gern in Auszügen in Originalzitaten:
1. „Geh nicht den krummen Weg.“
2. „Ihr müsst hier hart arbeiten und auch hart verhandeln, die Deutschen arbeiten wie bekloppt, das ist hier wichtig, so machen sie aus was jemand wert ist.“ (Bissl übertrieben, aber irgendwie auch oft wahr)
3. „Es ist hier einfacher, weil Du immer nur fragen musst: Was ist der Antrag, was steht im Papier? Der Mann (=Autoritäten) wissen nichtmal, wer zu welcher Familie gehört und es ist ihnen auch egal, so sind sie halt hier. “ (Papier=Gesetz/Antrag)
4. „Leih Dir kein Geld für Spaß.“

Mit diesen und ähnlichen Bauernweisheiten (was im Ursprungsland meiner Familie übrigens keine Abwertung ist) sind „wir“ hier komischerweise echt gut gefahren.

So ein großes Mysterium aber auch!

Alternativ dazu könnte ich/wir ja (wie in meinem Herkunftsland nicht unüblich) z. B. eine Ziege im Garten schächten, grillen und unter der Woche bei einer maximal lärmenden Familienfeier verspeisen – und danach so richtig abledern über die böse guckenden Almans, die uns als „Tierquäler“ bezeichnen und arg diskriminieren, weil unter der Woche Nachtlärm und so…

Cuibono
12 Tage zuvor
Antwortet  DerechteNorden

Ja, Himmel – wie soll es ihnen denn „seelisch“ gut gehen?
Ich kenne die Geschichten und z.T. die jungen Leute selbst, die unter den beschriebenen Umständen hergekommen sind, sich manchmal prostituieren, um Geld an die Familie zu schicken, die alles zusammen gekratzt hat und nun muss geliefert werden.
Da reicht das Gehalt als Paketbote oder Auszubildender nicht.
Diese jungen Menschen sind ja nicht für sich und ihr Leben in erster Linie verantwortlich, sie sind eine Investition der Familie, und das wissen sie ganz genau.
Ja, sie können nicht einfach zurück. .
Mittlerweile gibt es einige Projekte, die das Zurückgehen begleiten und unterstützen, aber es bleibt schwierig. Die Jugendlichen werden ja zu Hause nicht mit offenen Armen empfangen, sondern als Schande der Familie oft verstoßen.

Das kann man doch nicht einfach so laufen lassen?

Teacher Andi
15 Tage zuvor

Mir ist diese Argumantation etwas zu einseitig. Egal ob Migranten oder Einheimische, Bildung ist für jeden offen, aber Bildung kommt nicht vom Himmel gefallen, es ist auich Eigeninitiative notwendig, und die fehlt oft bei sog. „Verlierern“. Wenn man die Abwesenheitslisten betrachtet, dann kann man sich schon einen Reim darauf machen, wer hier motiviert ist und wer nicht. Die Förderangebote sind vorhanden, werden aber meist nicht genutzt. Die Bereitschaft,sich anzustrengen und etwas zu leisten nimmt erfahrungsgemäß immer mehr ab. Und ich wage zu behaupten, je mehr Förderung und Nachsicht, Nachprüfung und 4. Chance gewährt wird, desto mehr bildet sich die Eigeninitiative zurück. Das muss man vielleicht auch mal thematisieren.
Und dieses „ständig beweisen, dass man das ‚Privileg‘ auch verdient“ …. nun, was soll denn Schule sonst sein? Eine Wohlfühloase mit Spaßfaktor? Es ist einfach nicht so, dass man in unserem Bildungssystem keine Chance hätte, man muss nur wollen. Dass Bildung durch besser gestellte Eltern mehr unterstützt werden kann, sollte andere nicht abschrecken, denn es gibt bei uns keine Schulkosten und Studieren ist auch kostenfrei. Wie machen das dann Länder, in denen es nicht so ist?

447
13 Tage zuvor
Antwortet  Teacher Andi

Zitat: „Und dieses „ständig beweisen, dass man das ‚Privileg‘ auch verdient“ …. nun, was soll denn Schule sonst sein? Eine Wohlfühloase mit Spaßfaktor? Es ist einfach nicht so, dass man in unserem Bildungssystem keine Chance hätte, man muss nur wollen.“

Sie haben gerade meine Bildungsbiographie und das entsprechende Erfolgsrezept in einem Absatz auf den Punkt gebracht.

Teacher Andi
12 Tage zuvor
Antwortet  447

„Old School“ ohne verschwurbelten Idealismus, würde ich sagen. Heute gilt das Leistungsprinzip nicht mehr, das fällt uns jetzt schon mächtig auf die Füße.

Cuibono
12 Tage zuvor
Antwortet  Teacher Andi

Wat nix kost, dat taugt auch nix, sagt schon Oma. 🙂

Mary Peters
12 Tage zuvor

Die Studie konzentriert sich auf einige wenige Jugendliche – und die unterscheiden sich mit ziemlicher Sicherheit von den anderen Jugendlichen ihrer Kohorte, weil sie an der Studie kontinuierlich mitgearbeitet haben. Auf einer so mageren Basis derart kühne, verallgemeinernde Aussagen zu treffen und dann auch noch auf Deutschland zu übertragen – das finde ich nicht besonders wissenschaftlich überzeugend. In Deutschland gibt es sehr viel kostenlose Angeboten, man muss sie halt nur wahrnehmen. In anderen Ländern beispielsweise müssen die Migranten/Flüchtlinge den Spracherwerb selbst organisieren und zahlen.