Studie: Ethnisch diverse Schulklassen fördern soziale Beziehungen Geflüchteter

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POTSDAM. In ethnisch vielfältigeren Klassen haben geflüchtete Kinder und Jugendliche tendenziell mehr Freunde und werden deutlich seltener als Tischnachbarn abgelehnt als in weniger vielfältigen Klassen, zeigt eine aktuelle Studie. Der besseren sozialen Integration stehen aber auch Nachteile gegenüber.

Die Kinder in Deutschland sind immer heterogener – auch von ihrem sprachlichen Hintergrund her. Foto: Shutterstock

In ethnisch diverseren Schulklassen haben Schülerinnen und Schüler mit Fluchthintergrund mehr Freundinnen und Freunde und erfahren weniger Ablehnung als in homogeneren Klassen. Zu diesem Ergebnis kommt ein internationales Forschungsteam um den Potsdamer Bildungsforscher Georg Lorenz in einer aktuellen Studie. Darin stellen die Forscherinnen und Forscher auch Hinweise auf Ursachen für ihren Befund vor: „In diverseren Klassen gibt es mehr Möglichkeiten für Kontakte zu Peers aus eingewanderten Familien. Diese freunden sich öfter mit geflüchteten Jugendlichen an und lehnen diese seltener ab“, so Lorenz. Zudem seien Peers aus der Mehrheitsgesellschaft in diverseren Klassen aber auch offener gegenüber Geflüchteten.

Aktuell ist rund ein Prozent der Weltbevölkerung auf der Flucht, darunter viele Kinder und Jugendliche. Für eine erfolgreiche Teilhabe benötigen diese nicht nur Zugang zu formaler Bildung, sondern auch positive Beziehungen zu Gleichaltrigen. Um zu beantworten, ob und wie eine derartige soziale Integration gelingen kann, haben die Forscherinnen und Forscher die Peer-Beziehungen von jugendlichen Geflüchteten in Schulen untersucht. Für ihre Studie analysierten sie die Freundschafts- und Ablehnungsnetzwerke von 39.154 Sekundarschülerinnen und -schülern in 1.807 Klassen.

„Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Unterbringung von geflüchteten Jugendlichen in einem Schulumfeld, das bereits ethnisch vielfältig ist, in gewissem Maße ihre soziale Integration fördern kann“

Die Ergebnisse zeigten, dass geflüchtete Kinder und Jugendliche einige Jahre nach ihrer Ankunft in ihren Klassen weniger sozial integriert seien als Gleichaltrige, die der ethnischen Mehrheit oder einer ethnischen Minderheit ohne Fluchthintergrund angehören. In ethnisch vielfältigeren Klassen würden sie jedoch deutlich seltener abgelehnt als in weniger vielfältigen Klassen.

„Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Unterbringung von geflüchteten Jugendlichen in einem Schulumfeld, das bereits ethnisch vielfältig ist, in gewissem Maße ihre soziale Integration fördern kann“, sagt Lorenz. Da ein positiver Kontakt mit Gleichaltrigen der Mehrheitsgruppe für den akademischen Erfolg und die schulische Anpassung von Schülern mit Migrationshintergrund entscheidend sei, könnte die Zuweisung von geflüchteten Jugendlichen an ethnisch vielfältige Schulen und Klassen auch ihre künftigen Lebenschancen fördern.

Gleichwohl lasse sich daraus keine direkte Empfehlung ableiten, so der Bildungsforscher. Denn auf der anderen Seite profitiere beispielsweise die Entwicklung der Mehrheitssprache bei geflüchteten Jugendlichen von vielen Kontakten zu Schülerinnen und Schülern der Mehrheitsbevölkerung – und Sprachkenntnisse seien ein entscheidender Faktor für schulischen Bildungserfolg. Außerdem könnte die Zuweisung von geflüchteten Jugendlichen zu Schulen mit größerer Vielfalt die Segregation insgesamt verstärken.

„Entscheidend ist, dass die durch stetige Zuwanderung wachsende Vielfalt in Deutschland langfristig mehr oder weniger automatisch zu einem Abbau von ethnischen Ungleichheiten beitragen kann“, so Lorenz. Die Empfehlung der Forscher zielt deshalb auf die besondere Unterstützung von Schülerinnen und Schüler mit Fluchthintergrund in der jetzigen Situation ab: „Unsere Ergebnisse zeigen, dass den geflüchteten Jugendlichen in Klassen mit geringer Vielfalt besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden muss, um Ausgrenzungsprozesse zu vermeiden und eine erfolgreiche soziale Integration zu ermöglichen.“ Die Ergebnisse der Studie sind im Wissenschaftsjournal „Nature Human Behaviour“ publiziert. (pm) News4teachers

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Schade
1 Jahr zuvor

Na ja, ich empfinde dies als sehr zweischneidiges Schwert. Nach Ankunft der ersten Ukrainer haben sich einige Deutsche mit russischem Migrationshintergrund als Übersetzer für die Anfangszeit angeboten. Bis dahin wusste kaum jemand von ihrem russischen Migrationshintergrund und es wäre ihnen auch nie eingefallen, in der Schule miteinander russisch zu sprechen, da sie im Deutschen absolut sicher sind. Auch waren sie bis dato kaum miteinander befreundet. Dies hat den Ukrainern den Anfang sicher erleichtert, aber sie kleben förmlich an den russischsprachigen Kindern, zeigen wenig Motivation Deutsch zu lernen und es treten erste Irritationen seitens der deutschen Kinder (die die Gesprächein auf russisch auf dem Schulhof eben nicht verstehen), aber auch der russischsprachigen Kinder auf, die eigentlich gerne wieder mit ihrer ursprünglichen peer group spielen wollen). Vielleicht fühlen sich die ukrainischen Kinder besser sozial integriert, aber ob das der allgemeinen sozialen Integration so weiterhilft?

Carsten60
1 Jahr zuvor
Antwortet  Schade

Der Artikel nimmt ausschließlich die Perspektive der ausländischen Kinder ein. Man spricht kurz von Nachteilen, die liegen vermutlich im sprachlichen Niveau des Deutschunterrichts. Wie ist das in der Grundschule bei den basalen Fähigkeiten? Schließlich und endlich wird suggeriert, als sei die Schule primär für Freundschaften, das Soziale usw. da und nicht, um was zu lernen. Dieser „Zeitgeist“ wird sich noch rächen. Von sozialen Kompetenzen alleine kann die Gesellschaft nicht leben, die Zuwanderer auch nicht. Schule darf sich nicht in ein babylonisches Sprachengewirr verstricken. Das spricht nicht gegen zweisprachige Klassen, aber doch eher gegen zehnsprachige Klassen.

1234
1 Jahr zuvor
Antwortet  Carsten60

Danke. Ich konnte selbst kein Deutsch, als ich mit meinen Eltern nach Deutschland eingewandert bin. Der Spracherwerb in der Grundschulzeit ging aber ruckzuck, was schlichtweg daran lag, dass in der Klasse überwiegend Deutsch gesprochen wurde. Weiterhin hatte ich kaum nichtdeutsche Freunde, was zusätzlich half. Heute wäre es wahrscheinlich gar nicht mehr so einfach, da der Anteil an Grundschülern, die der deutschen Sprache nicht mächtig sind, stark angestiegen ist. Der Deutschunterricht kann das nur marginal ausgleichen.

1234
1 Jahr zuvor

Wie die Kommentatoren vor mir sehe ich „ethnisch diverse Schulklassen“ auch eher kritisch. Auch ich beobachte an meiner Schule eine starke Gruppenbildung unter SuS, die einen ähnlichen Migrationshintergrund haben. Natürlich ist dieses Verhalten verständlich und hat auch vor allem für Flüchtlinge, die in einem völlig fremden Land sind, seine positiven Seiten.

Langfristig wird dadurch der Spracherwerb und auch die Integration behindert, denn seien wir ehrlich, syrische oder ukrainische Kinder werden nicht so schnell in ihre Heimat zurückkehren.
Der Spracherwerb wird auch für Kinder schwierig, die hier in Deutschland geboren sind. Zu gut erinnere ich mich an die Kommentare meiner Freunde mit Migrationshintergrund an der weiterführenden Schule, die ganz erstaunt waren, wie sauber mein Deutsch war. Denn im Vergleich zu mir waren diese SuS von Geburt an deutsche Staatsbürger, hatten allerdings eine katastrophale Rechtschreibung und Grammatik, einfach dadurch bedingt, dass im Freundes- und Familienkreis häufig nicht Deutsch gesprochen wurde.

Und bezüglich der Integration: Wer ständig unter „seinesgleichen“ bleibt, wird langfristig sein neues Zuhause auch mit größerer Wahrscheinlichkeit nicht vollständig akzeptieren. Die Freunde, von denen ich weiter oben sprach, haben sich nie sich als Deutsche angesehen und stattdessen immer von “ den Deutschen“ gesprochen. Man fühlte sich nicht als Teil des Ganzen und blieb lieber unter sich. Ein Zusammengehörigkeitsgefühl fehlte völlig.

Schwieriges Thema daher. Ein solider Spracherwerb fördert die soziale Integration, aber die soziale Integration kann auch den schnelleren Spracherwerb fördern… Die Wahrheit liegt irgendwo in der Mitte.

Last edited 1 Jahr zuvor by 1234
Teacher Andi
1 Jahr zuvor

Und für das Ergebnis, dass sich Schüler derselben Spache natürlich zusammentun und so ihren Halt finden, braucht man also teure Studien? Unglaublich.
Davon abgesehen ist eine solche Peer Group Bildung alles andere als zielführend, das gibt die Studie wohl nicht her.

A. J Weidenhammer
1 Jahr zuvor

Ach, Kinder mit Migrationshintergrund finden schneller Freude und Anschluss an eine Peergroup, wenn sie vermehrt mit Kindern mit ahnlichem Hintergrund zusammenkommen?

Wer hätte das gedacht…