Start Themenmonate Guter Ganztag Rechtsanspruch auf Ganztag: Defizite in der Vorbereitung (Quantität und Qualität)

Rechtsanspruch auf Ganztag: Defizite in der Vorbereitung (Quantität und Qualität)

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DÜSSELDORF. Diesen Sommer ist es so weit: Mit dem Start des neuen Schuljahres tritt bundesweit der Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung für Grundschulkinder in Kraft. Jüngste Zahlen, Umfragen und Analysen lassen jedoch deutliche Defizite in der Vorbereitung erkennen. Wochen vor dem Start ist fraglich, wie gut die Kommunen den Anspruch werden umsetzen können. Laut Kritikern fehlen nicht nur Plätze, es mangelt auch an der Qualität.

Außen hui, innen pfui? (Symbolbild.) Illustration: News4teachers

Der Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung gilt ab kommendem Schuljahr für alle neu eingeschulten Kinder; bis zum Schuljahr 2029/2030 soll er sukzessive auf alle Grundschuljahrgänge ausgeweitet werden. Doch noch Ende vergangenen Jahres meldete das Bundesfamilienministerium eine Lücke von 65.000 Plätzen (News4teachers berichtete).

Große Versorgungslücken in Westdeutschland

Besonders betroffen davon waren demnach die westdeutschen Bundesländer. Der Grund: „In Ostdeutschland haben ganztägige Formen der Schulkind-Betreuung im Primarbereich eine jahrzehntelange Tradition und entsprechend etablierte Systeme sind dort vorhanden“, erklärt der dritte Bericht der Bundesregierung über den Ausbaustand der ganztägigen Bildungs- und Betreuungsangebote für Grundschulkinder. Zudem treffe der Beginn des Rechtsanspruchs auf sinkende Kinderzahlen in den ostdeutschen Bundesländern, mit Ausnahme Berlins.

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Der Bericht des Bundesfamilienministeriums unterscheidet allerdings zwischen zwei Szenarien bezüglich des Ganztagsausbaus. Dabei bilden die fehlenden 65.000 Ganztagsplätze für Erstklässler*innen das Ergebnis unter der Annahme, dass der elterliche Betreuungsbedarf um zehn Prozentpunkte steigt. Bleibt er dagegen unverändert, reduziert sich die Lücke auf 30.000 fehlende Plätze bundesweit.

Darüber hinaus macht das Bundesfamilienministerium deutlich, dass der Ausbau der Ganztagsbetreuung auch über die Einführung des Rechtsanspruchs für die ersten Klassen hinaus fortgesetzt werden muss. Bis zum Schuljahr 2026/2027 werden nach den Berechnungen des Ministeriums – je nach Entwicklung der Nachfrage – bundesweit zwischen 166.000 und 284.000 zusätzliche Ganztagsplätze benötigt. Im Mittel entspricht dies einem Ausbaubedarf von rund 225.000 Plätzen.

„Festzuhalten ist, dass der prognostizierte Ausbaubedarf fast ausschließlich auf Westdeutschland entfällt“, heißt es im Bericht. Demzufolge liegt die Prognose , wie viele zusätzliche Ganztagsplätze die westdeutschen Bundesländer benötigen, zum Schuljahr 2026/2027 „zwischen 165.000 (+12,3 Prozent) im Status-Quo-Szenario und 271.000 (+20,1 Prozent) im dynamischen Szenario“.

Im Mittel fehlen 264.000 Plätze bis zum Schuljahr 2029/2030

In diese Berechnung fließen neben den für Erstklässler*innen erforderlichen Plätzen auch die zusätzlichen Kapazitäten für die Klassenstufen zwei bis vier ein. Bis zum Schuljahr 2029/2030, wenn der Rechtsanspruch für alle Grundschulkinder gelten soll, steigt der zusätzliche Platzbedarf nach Angaben des Ministeriums im Mittel auf 264.000 Plätze.

Zu ähnlichen Ergebnissen kommt auch eine Untersuchung des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln (News4teachers berichtete). Demnach ist erneut Westdeutschland das Problemkind. Während die ostdeutschen Länder und Hamburg den Rechtsanspruch voraussichtlich ohne weiteren Ausbau erfüllen könnten, seien die Versorgungslücken in mehreren westdeutschen Bundesländern weiterhin erheblich.

Die Analyse geht davon aus, dass in Westdeutschland bis zum Schuljahr 2029/2030 insgesamt 149.700 zusätzliche Ganztagsplätze geschaffen werden müssen, um den von Eltern im Jahr 2024 geäußerten Betreuungsbedarf zu decken. Besonders groß ist der Ausbaubedarf demnach in Nordrhein-Westfalen mit 45.300 fehlenden Plätzen sowie in Bayern mit 42.300. Relativ zur Zahl der Kinder im Grundschulalter sei die Lücke in Schleswig-Holstein mit zehn Prozent am größten, gefolgt von Bremen mit neun Prozent und Bayern mit acht Prozent.

Zugleich weist die IW-Studie darauf hin, dass der tatsächliche Ausbaubedarf deutlich höher ausfallen könnte, wenn die Nachfrage nach Ganztagsbetreuung weiter steigt. Wird eine Betreuungsquote von 75 Prozent als Maßstab angesetzt, müssten die Länder mit Ausbaubedarf insgesamt 570.900 zusätzliche Plätze schaffen. Allein auf Bayern entfielen dann 204.300 zusätzliche Ganztagsplätze.

Hinzu komme, so der Autor der Analyse, dass bestehende Angebote den gesetzlichen Anforderungen teilweise nicht vollständig entsprechen. Dies betreffe insbesondere die Ferienbetreuung. Das Ganztagsförderungsgesetz lasse lediglich eine Schließzeit von maximal vier Wochen zu. „Viele der Ganztagsschulen in Westdeutschland beschränken sich jedoch auf die Schultage, sodass eine eigenständige ergänzende Ferienbetreuungsinfrastruktur notwendig wird, bei der weiterreichende Engpässe bestehen können.“

Kritik an der Qualität der Angebote

Auch an den Schulen selbst besteht Skepsis. Zum Ende des vergangenen Jahres bezweifelte in einer Umfrage des Verbands Bildung und Erziehung (VBE) noch ein Viertel der befragten Schulleitungen, dass im Schuljahr 2026/2027 allen Erstklässler*innen einen Ganztagsplatz werden anbieten können (News4teachers berichtete). Als zentrale Hindernisse nannten die Leitungen fehlendes Personal und unzureichende Räumlichkeiten genannt.

Neben dem Mangel an Plätzen steht im Mittelpunkt der Kritik des VBE aber vor allem die Qualität der Angebote. Der VBE befürchtet, dass der gesetzliche Anspruch zwar formal erfüllt werden könnte, pädagogische Standards dabei jedoch in den Hintergrund geraten. „Ein reines polizeiliches Führungszeugnis sagt noch nichts über die pädagogische Eignung aus“, mahnt der VBE-Bundesvorsitzende Tomi Neckov. Der Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung suggeriere pädagogische Angebote, aber am Ende wird nur die Verwahrung von Kindern zugesichert. „Der Ganztagsanspruch ist eine immense Chance auf Bildungsgerechtigkeit. Bei unzureichender Umsetzung wird diese Gelegenheit vertan.“ Der VBE fordert deshalb verbindliche Qualitätsstandards und spezifische Fortbildungen für das in der Ganztagsbetreuung eingesetzte Personal.

Viele im Ganztag Beschäftigte Auzsbauohne pädagogisch einschlägige Ausbildung

Die Kritik an der Qualität der Ganztagsangebote stützen auch aktuelle Forschungsdaten des Deutschen Jugendinstituts (DJI). Nach aktuelle Datenauswertungen des DJI und des Forschungsverbunds DJI/TU Dortmund verfügte im Jahr 2022 jede fünfte Person, die in der Kinderbetreuung an Grundschulen tätig war, über keinen beruflichen und damit auch keinen pädagogisch einschlägigen Ausbildungsabschluss. „Der Anteil an nicht fachlich ausgebildetem Personal ist damit doppelt so hoch wie in Einrichtungen der Kindertagesbetreuung“, meldet das DJI. Vor diesem Hintergrund mahnt DJI-Forschungsdirektorin Susanne Kuger davor, den Erfolg des Ganztagsausbaus allein quantitativ zu messen: „Ein Platz allein reicht nicht aus. Fragen der Qualität, der Verlässlichkeit, der Ferienbetreuung und der Erreichbarkeit für sozial benachteiligte Familien bleiben zentral.“ News4teachers

Hier geht es zu allen Beiträgen des News4teachers-Themenmonats „Guter Ganztag“. 

Ganztag als Chance: Warum Lernen nicht immer im Klassenraum stattfinden muss – Grundschul-Materialien „Auf dem Schulhof und Co.“

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2 Kommentare
mama51
4 Monate zuvor

Viele im Ganztag Beschäftigte Auzsbauohne* pädagogisch einschlägige AusbildungZunächst: Was bedeutet * ????

Und jetzt:
Alles, was mit „Lernen im Ganztag“ zu tun hat macht aber doch nur dann Sinn, solange auch wirklich alle Kinder (zumindest die eines Jahrgangs!) dort auch hingehen. Wenn pro Klasse nur ein Drittel oder Viertel den GT besucht haben die einen Vorteile, die anderen Nachteile. Oder habe ich den Artikel falsch verstanden?

Jungsmama
4 Monate zuvor

Ein Plädoyer für die Wahlfreiheit … bei der Kinderbetreuung!
Ich bin gerne Mutter, auch wenn meine Jungs mir so kurz vor den Sommerferien mächtig auf den Geist gehen. Ich bin auch gerne in meinem Beruf tätig, mal ganz abgesehen von meiner Liebe für Küche und Garten und einem gewissen Maß an Ehrenamt und dem „sich Kümmern um die Eltern“. Diese Aufgaben sind alle ein Teil meines Alltags. Damit bin ich bestimmt kein Sonderfall, schon gar nicht hier im ländlichen Niedersachsen.
In den vergangenen Jahren wurde zunächst das Für und Wider einer gesetzlichen Ganztagsbetreuung diskutiert und dann beschlossen. Mitgeredet haben in den Medien die Politiker, die Arbeitgeber, manche Arbeitnehmer und auch viele Familien, die sich zerreißen zwischen dem Anspruch der Wirtschaft und den Gefühlen für den eigenen Nachwuchs. Kindern wurde häufig ein Wunsch nach Ganztag unterstellt, damit sie mehr Zeit mit ihren Freunden verbringen können. Auch die Chancengleichheit und die Bildungschancen, hehre Ziele ganz bestimmt, wurden wiederholt bemüht und strapaziert. Doch was ist, wenn nicht alle Kinder auf die gleiche Weise von denselben Angeboten profitieren? Ob ein verpflichtender Ganztag in Schulen der Weisheit letzter Schluss ist, ich wage es zu bezweifeln.
Ebenso wie die Rollen von Erwachsenen variieren und Lebensrealitäten von Familien unterschiedlich sind, sind auch Kinder sehr unterschiedlich. Heutzutage erziehen wir Kinder zu stärkerem Individualismus und ermöglichen die Förderung von Stärken und den bewussten Umgang mit den eigenen Schwächen. Dennoch sollen alle durch das gleiche System gehen. Was ist, wenn Familien aber unterschiedliche Vorstellungen davon haben, und auch Möglichkeiten der Umsetzung, wie Kindheit aussehen sollte? Und was bedeutet echte Wahlfreiheit, wenn eine gesellschaftliche Lösung zunehmend zum allgemeinen Standard wird? Diese Fragen beschäftigen mich als Mutter zweier sehr unterschiedlicher Kinder – und als Bürgerin einer ländlichen Region, in der viele politische Konzepte auf andere Voraussetzungen treffen als in den Städten
Hier im ländlichen Bereich scheint es insbesondere den Grundschulen schwer zu fallen attraktive Angebote für den Ganztagsschulbetrieb zu machen. Nicht, weil sie sich nicht bemühen würden, sondern vor allem, weil es keine Anbieter gibt. Wer soll hier im ländlichen Niedersachsen denn die Angebote übernehmen? Vereine setzen auf ehrenamtliche Trainer und Eltern, die Strukturen sind seit Jahrzehnten gewachsen und bieten Kindern die Möglichkeit, häufig ab 15 Uhr, Freizeitangebote anzunehmen. Ihre Trainer, Großeltern oder Eltern, um 12 Uhr noch selbst bei der Arbeit, können ab 15 Uhr Training geben oder den Fahrdienst übernehmen. Musikschulen oder Sportschulen, mit vielen freiberuflichen Mitarbeitern unterwegs, müssen aus ohnehin knappen Schulkassen nicht auf einen Geldsegen hoffen sollten sie Angebote für die Schulen bereitstellen. Doch die Bildungschancen sollen für alle ermöglicht werden. Die Lehrer:innen, häufig selbst Eltern, sind den gleichen Problemen ausgesetzt und werden zunehmend dafür kritisiert nicht unentgeltlich mit den Kindern auf den Bus zu warten, der am Ende des regulären Ganztagsbetriebs leider noch 30-40 min auf sich warten lässt. Es bleiben Angebote pädagogischer Mitarbeiter, regelmäßig selbst engagierte Eltern mit einer Zusatzqualifizierung, oder FSJler, die sich viel Mühe geben Interessantes aber Kostengünstiges für die Kinder anzubieten.

So war das Ganztagsangebot während der Grundschulzeit unserer Kinder häufig „freie Zeit“, die mit den Freunden auf dem Spielplatz verbracht werden konnte. Dem Spieltrieb der Kinder kommt dies sicherlich entgegen und wurde von einem Großteil der Kinder der Grundschule gerne angenommen. Hier gab es schnell starke und schwache Gruppen und in Verlängerung der Pausenzeiten während der regulären Schulzeit, ein „Herr der Fliegen“-Format in dem der Stärkere den Ton angibt. Kinder, die nicht cool genug und nicht ruchlos genug waren, versuchten möglichst nicht aufzufallen. Nur was können Kinder aus solch eine Situation lernen? Das Machtkämpfe dazugehören? Dass das Mobbing aus dem Unterricht auch in der freien Zeit fortgesetzt wird, ohne die Möglichkeit geschützt zu werden? Solch eine Gruppendynamik ist bestimmt kein gutes Beispiel für den Ganztag, war für uns jedoch die Realität.Dennoch, so zeigt es auch das Bild hier „auf dem Dorf“ ist gerade die
Ganztagsbetreuung für viele Familien notwendig. Für die Kinder, die
zuhause vielleicht keine Unterstützung erhalten können oder wo niemand
zuhause ist. Für Kinder mit vielen Freunden und guter sozialer Einbindung aus dem Grund, weil andere Kinder ja auch nicht zuhause waren und am Ende der Ganztagsbetreuung niemand mehr Gelegenheit hatte zum Spielen. Somit stieß insbesondere die
zusätzliche Bewegung außerhalb der eigenen vier Wände spricht viele
Eltern an.

Pädagogische Mitarbeiter, Betreuungskräfte aber auch befreundete Eltern berichteten, dass die Kinder am Ende des Ganztages nach Hause kamen, mal müde und ko, mal glücklich und mal nicht und dann noch Hausaufgaben erledigen mussten, die in der Schule nicht geschafft wurden. Gerade in den ersten Lernjahren, in denen das Lesen, Rechnen und Schreiben geübt und neugierig sein ermöglicht werden soll standen auch bei uns häufig persönlicher Frust, Traurigkeit oder einfach Müdigkeit dem kindlichen Lernprozess entgegen. Es waren Freiräume, Spielpausen und auch so manche Unterstützung notwendig, um die Hausaufgaben zu lösen. Das Resultat, Lernen war häufig, anstrengend, auf bestimmte Zeiten in der Schule begrenzt und regelmäßig auch mal einfach nicht gewollt, wenn „alle anderen“ schon draußen spielten.

Unsere Kinder sind derzeit auf einem Gymnasium, nicht weil sie besonders talentiert sind, sondern weil wir uns bewusst gegen eine Ganztagsbetreuung entschieden haben und das Gymnasium die einzige Schulform war, die dies ermöglicht hat. Weder in der Kita, noch im Kindergarten, noch in der Grundschule waren unsere Kinder verpflichtet an der nachmittäglichen Betreuung teilzunehmen, sie stand ihnen immer frei. Sie hatten zum Glück die Möglichkeit der Wahl und entscheiden sich, bis auf wenige Ausnahmen, alle 6 Monate gegen die Teilnahme an einem Ganztagsangebot. Auf der Suche nach den Gründen waren Aussagen wie Mobbing, Machtkämpfe oder ein wenig attraktives Angebot die häufigsten Gründe meiner Kinder nicht in den Ganztag zu wollen.
Unser ältester Sohn „funkt“ seit Kleinkindtagen täglich zu 100% auf allen Kanälen gleichzeitig. Ein paar Stunden in der Krippe und später ein normaler Grundschultag bis halb 1 waren für ihn das maximal Mögliche. Seine eigenen Bedürfnisse machten ihn schon im Kindergarten zum Außenseiter, so dass er zwar bis heute pflichtschuldig in die Schule geht und mit Freude Wissen aufsaugt, aber dort kaum Freunde findet. Für uns war eine durchgängige Ganztagsbetreuung somit nie eine Option.
Unser jüngerer Sohn ist dabei das Gegenteil, er ist ruhig und sozial eingebunden hat Freude am Spiel und mag die Herausforderungen, die die Schule ihm bietet. Er ist aber auch froh, wenn der Schultag vorbei ist, er Ruhe findet und die Möglichkeit sich zurückzuziehen. Enge und durch fehlende akustische Konzepte laute Räume, Mitschüler:innen, die laut und rücksichtslos sind und vor allem fehlende sinnvolle Angebote machten und machen den Ganztag für ihn nicht attraktiv.
Obwohl beide Kinder unterschiedlich auf Schule reagieren, haben Sie sich dennoch nicht für einen konsequenten Ganztag entschieden. Für beide Kinder ist es keine Option, die schulische Dynamiken auch in den Nachmittag hinein zu verlängern. Was das für uns als Familie bedeutet? Wir stecken zurück, weil die Kinder jetzt unsere Unterstützung gebrauchen! Auch sind wir auf die Mithilfe von Großeltern, Freunden und Nachbarn angewiesen, wenn es bei uns beruflich mal doch nicht passt. Mit dem Ergebnis, dass die Kinder gut in „das Dorf“ eingebunden sind.
Dennoch fechten wir täglich Kämpfe um Medienzeit und gegen Langeweile aus. Als Eltern sind gefordert als „Zankpartner“ aber auch als Freizeitgeber, wir spielen, machen neugierig und fordern Gemeinschaft, Meinungsbildung und Leistung ein. Wir versuchen dabei aber vor allem Rücksicht auf die Bedürfnisse von Kindern und Eltern zu nehmen, ein Balanceakt, der nicht immer funktioniert aber Freiräume lässt. Macht es das tägliche Leben schöner? Absolut, denn in Deutschland kosten Kinder nach allgemeinem Dafürhalten „Geld, Zeit und Nerven“, aber keiner erzählt, wie wertvoll diese Zeit ist. Wenn Kinder plötzlich eine Idee haben und diese umsetzen können, sie im Umkreis mal beim Einkauf oder mal beim Rasen mähen helfen, sie anfangen uns mit unseren eigenen Argumenten „lahm zu legen“ oder begeistert von einer Freizeitaktivität zurückkommen, dann hat sich all das gelohnt.
Wird ein großer Teil des kindlichen Alltags auf die Schule begrenzt, so besteht die Gefahr, dass die Kinder dies als ihren Teil der Gesellschaft wahrnehmen, sich aber nicht mehr als Teil einer größeren Gesellschaft sehen der sie eventuell verpflichtet sind. Unsere Kinder wissen, dass sie sich in der Schule anders verhalten müssen als zuhause. Für sie ist die Schule nicht Teil der Gesellschaft, sondern ein Platz für Kinder, außerhalb dieser Erwachsenenwelt.
Es ist mir bewusst, dass wir als Familie aus einer vergleichsweise privilegierten Situation heraus Entscheidungen treffen konnten, die vielen anderen Familien aus unterschiedlichsten Gründen nicht möglich sind. Gleichzeitig frage ich mich, ob die Diskussion in der Gesellschaft zu selbstverständlich davon ausgeht, dass mehr institutionelle Betreuung automatisch für alle die beste Lösung ist. Kinder sind ebenso unterschiedlich wie Erwachsene.
Dabei geht es nicht darum, Schule gegen Familie auszuspielen. Schulen leisten täglich wertvolle Arbeit unter oft schwierigen Bedingungen. Lehrkräfte, pädagogische Mitarbeiter:innen und Betreuungskräfte übernehmen Verantwortung für viele Kinder gleichzeitig und engagieren sich auch wenn sie angefeindet werden und auf Hürden treffen. Dennoch können Schulen nicht alle Aufgaben übernehmen, die früher selbstverständlich von Familie und Gemeinschaft getragen wurden.
Die eigentliche Frage lautet deshalb für mich nicht, ob Ganztag gut oder schlecht ist. Die entscheidende Frage ist, wie viel Wahlfreiheit Familien künftig noch haben werden. Eine Gesellschaft, die Vielfalt wertschätzt, sollte unterschiedliche Lebensmodelle ermöglichen. Sie sollte sowohl Familien unterstützen, die auf Ganztagsangebote angewiesen sind, als auch diejenigen, die bewusst andere Wege wählen möchten.
Denn Bildung entsteht nicht ausschließlich im Unterricht. Erfahrungen lassen sich nur selten kategorisieren oder institutionalisieren. Sie sind Teil des gesellschaftlichen Zusammenhalts, den wir uns auch für kommende Generationen wünschen.
Vielleicht sollten wir deshalb weniger darüber diskutieren, wie viele Stunden Kinder in der Schule verbringen (müssen), und stärker darüber, welche Erfahrungen sie machen. Denn Kinder lernen nicht nur durch das, was Erwachsene ihnen erklären, sondern vor allem durch das, was eine Gesellschaft ihnen vorlebt.