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Kolumne „Boarderlines“ Teil 10: Lehrer Andi entdeckt Indonesiens einsame Orte

DÜSSELDORF/KÖLN. Lehrer Andreas Brendt hat viele Jahre damit verbracht, durch die Welt zu reisen. Heute unterrichtet er in Köln und hat sich einen weiteren Traum erfüllt: Ein Buch über seine Erfahrungen zu schreiben. Es geht um Reisen, um Begegnungen auf der ganzen Welt und wie diese den Blick auf Zuhause verändern. Für die News4teachers.de-Leser veröffentlicht er hier in den folgenden Wochen in elf Folgen Teile seiner Geschichte. Viel Spaß bei der Lektüre.

Teil 10 Andi entdeckt Indonesiens einsame Orte

Nach sieben Tagen auf See wird es Zeit, den Heimweg anzutreten. Wir ankern vor Sumbawa, als ich meine Sachen packe, weil ich nicht zurückfahren werde, sondern hier von Board gehe. Ich will versuchen, mich auf dem Landweg zu einem Spot namens Lakey Peak durchzuschlagen. Der Captain hat in dem kleinen Ort einen Fahrer aufgetrieben, der die neun Stunden dauernde Fahrt über die Insel im Osten Indonesiens machen will.

Kurz bevor ich mich von allen verabschieden kann, wird auf einmal Toastbrot mit Nutella serviert. Das ist untypisch für den frühen Morgen. Genauso, wie der Qualm, der vom hinteren Teil des Bootes aufsteigt. Das süße Weißbrot ist ein Ablenkungsmanöver. Ich laufe nach hinten und sehe nach: Das Schiff brennt.

Made und Ketut versuchen, das Feuer im Maschinenraum zu löschen. Sie kippen eimerweise Salzwasser auf das Inferno unter Deck. Ein verrücktes Bild, aber nach einer Viertelstunde ist es geschafft, denn es dampfen nur noch kleine Rauchwolken durch die Luke zu uns hinauf. Das Feuer ist ertränkt, allerdings auch die halbe Maschine zerstört. Die Jungs schauen ein bisschen verlegen und bitten uns, der Reiseagentur nichts zu erzählen. Gute Jungs, kein Problem – Sing Ken Ken!

Der Rückweg wird etwas mehr Zeit in Anspruch nehmen, aber nicht für mich. Ich verabschiede mich von allen und springe in das Dingi, was mich an Land absetzen wird. Scott entscheidet sich spontan, mich zu begleiten. Unser Abenteuer fängt hier erst an. Sumbawa steht für mich für drei Dinge: Perfekte Wellen, Malaria und fundamentale Muslime.

Wir scheppern über die Insel, durch kleine Orte und größere Siedlungen. Auf dem Weg sehen wir staubige Hitze, aufgebrachte Mengen und wilde Gesichter, die ihr Bin-Laden-T-Shirt auf der stolzen Brust zur Schau tragen. Daneben schwarze Bärte und dunkle Haut, die in Kutten stecken. Manche haben Macheten dabei. Was ist hier los? Marktgeschrei, Wahlen oder Protestaktion? Ich habe keine Ahnung. Der Irakkrieg wütet in weiter Ferne, aber auch in ganzer, völlig verrückter Pracht. Das bringt die Massen hier in Aufruhr. An vielen Ecken lauern Schilder oder Barrikaden, die den Hass auf Amerika und den Westen propagieren. Wir fahren mitten durch. Dabei verstecken wir uns hinter den verdunkelten Scheiben unseres Wagens. Diesmal bin ich für jeden Millimeter Abstand dankbar. Ich kann das wahre Leben da draußen weder einschätzen noch verstehen. Aber ich bin heilfroh, dass sich Deutschland an dem Wahn nicht beteiligt hat. Ich danke Joschka Fischer und Gerhard Schröder für die erste politische Entscheidung, die mein Leben betrifft. Ob mir das im Zweifelsfall helfen wird?

Autor Andi: Porträt mit einem Lama. (Foto: Privat)

Autor Andi: Porträt mit einem Lama. (Foto: Privat)

Ich weiß es nicht. Vielleicht sind die Leute auch ganz anders, als ich denke. Nett und gastfreundlich. Aber die Bilder auf der anderen Seite der Fensterscheibe wirken wie im Film. Scott ist aus Australien und damit ein Verbündeter des Bösen. Wir vereinbaren, dass wir heute beide aus Deutschland stammen, wenn uns jemand fragt. Aber warum sollte uns jemand fragen? Natürlich kennen wir die Geschichten Indonesiens, die überall erzählt werden. Von den Händen, die etwas aus dem Auto kaufen wollen, von Händen, die ihre Geldbörse festhalten, nicht dem Dieb überlassen wollen und dafür einfach abgehackt wurden.
Märchen oder Wirklichkeit? Ich vermute ersteres.

Wir verscharren uns auf der Rückbank des Geländewagens. Dennoch steigen wir mittags kurz aus, um in einem Restaurant zu essen. Wir blicken uns ständig um. Wie Verfolgte oder das gefundene Fressen für die Löwen, denn Sumbawa hat mit dem menschenfreundlichen Hinduismus auf Bali nicht viel gemein. Die Stimmung ist merkwürdig, weil alles in diesem Land so fremd erscheint. Aber eigentlich sind nur wir die Fremden. Es gibt keinen Beweis für irgendeine Gefahr, außer den Gedanken in unserem Kopf. Vielleicht nur Hirngespinste, aber wir sind froh, in ländliches Gebiet zu kommen. Hier leben einfache Menschen, die fern der großen Welt friedvoll ihre Wäsche waschen oder die Reisfelder bewirtschaften.

Nach neun Stunden Fahrt sind wir fast am Ziel. Fast, denn zwei Kilometer davor platzt der rechte Hinterreifen. Wir werden durchgeschüttelt, aber kommen auf einem holprigen Acker ohne nennenswerte Folgen zum Stehen. Aufgrund der Tageszeit können wir nicht warten und kramen unser Zeug zusammen, um den Rest zu laufen. Wir müssen voran. Dann sehen wir das erste Schild: Malariagebiet. Es erklärt, wie man die Krankheit bekommt, erkennt und wie man sich besonders in der Dämmerung zu schützen hat. Kindliche Illustrationen mit einfachen Bildern und bunten Personen. Informierend, mahnend, warnend. Genauso leicht verständlich, wie schwer bedrohlich. Nach ein paar hundert Metern folgt die nächste Hinweistafel.

Ein Albtraum vieler Tropenländer, der auch Sumbawa plagt. Ich blicke zu Scott herüber. Er hebt nur kurz die Schultern, um sie dann wieder zu senken. Eine unsichtbare Bedrohung, die von einem Zufall gelenkt wird, mit dem sich nicht diskutieren lässt. Die Rechnung ist einfach. Jeder Stich kann zur Infektion führen. Wie viel Stiche es im Durchschnitt sind, kann ich nicht mal ahnen. Vielleicht nur jeder zehnte. Aber das heißt nicht, dass die ersten neun harmlos sind. Das ist das Gemeine an der Rechnung, denn vielleicht ist schon die erste kleine juckende Stelle an der Wade oder im Nacken viel mehr, als es den Anschein hat.

Ich habe mir geschworen, diese Sache ernst zu nehmen. Weil ich viel gelesen habe. Vielleicht zu viel. Bei rechtzeitiger Medikation sowie gemäßigtem Verlauf kann die Krankheit innerhalb von zehn Tagen völlig ausheilen – für eine Weltklasse-Anekdote im Tagebuch ein angemessener Preis. Andere haben ihr Leben lang damit zu kämpfen, weil sie den Virus nicht mehr aus dem Körper bekommen. Dann kommt es jahrelang zu plötzlichen Fieberanfällen, die diese Krankheit so berühmt gemacht haben – und so gefürchtet. Wieder andere sterben einfach. Aber das ist selten, und ich habe die teuersten Pillen im Gepäck.

Nach weiteren vier Schildern, die aufklären sollen, aber in erster Linie meine Paranoia pushen, erreichen wir Lakey Peak. Was wir antreffen, ist nicht viel. Es gibt sechs einfache Unterkünfte, Familien, die Hütten am Strand vermieten und ein kleines Hotel und ein Restaurant, es besteht aus nicht viel mehr als einem Holzdach mit Plastiktischen darunter. Kein Geschäft, kein Asphalt. Die Zivilisation liegt ein paar Tagesreisen zurück. Die Dämmerung steht kurz bevor. Wir müssen etwas finden, bevor zur Jagdsaison geläutet wird und die blutsaugenden Heerscharen aus ihren Verstecken kommen, um die Krankheit zu verbreiten.

Ich stelle fünf Moskitocoils auf und entzünde sie. Dampf breitet sich in unserer Hütte aus. Lieber Ersticken, als Malaria. Dann prüfe ich die Mückennetze. Kleinste Löcher klebe ich mit Tape ab. Scott packt sein Zeug aus und macht sich in der typischen Australier-Manier über mein übertriebenes, deutsches Vorsichtsgehabe lustig. Aber er hält mich nicht davon ab. Bevor ich vor die Tür gehe, ziehe ich lange Sachen an und zücke die gelbe Plastikflasche mit den fünf Vertrauen erweckenden Buchstaben darauf: Autan. Scott fragt, ob er ein paar Tropfen borgen kann. Ich grinse, er kippt sich voll damit.

Wir gehen die Treppe von unserer kleinen Veranda hinab und stehen an der Wasserkante. Das Riff liegt direkt vor unserer Nase. Der Weg hinaus führt durch eine Lagune. Etwa 100 Meter dahinter breiten sich die Korallen aus, die eine der heftigsten Wellen Indonesiens erzeugen. Zumindest, wenn der „Swell“ groß ist und der Wasserstand niedrig. Dann, wenn der Spot zu einer gewaltigen Herausforderung für die besten Surfer wird. Die Wellen treffen hier aus tiefem Wasser so plötzlich auf das Riff, dass die „Lippe“ weit nach vorne geschleudert wird: Große „Tubes“ für alle, die den „Takeoff“ schaffen.

»Do you wanna go out there, Andi?«
Jack wohnt in der Hütte neben mir. Wir pflegen eine fantastische Nachbarschaft. Er ist 56 Jahre alt, von denen er über 40 Jahre zu einem großen Teil im Meer verbracht hat. Er baut Surfbretter und hat die Welt gesehen. Wenn wir uns unterhalten, sitzen Vater und Sohn, Lehrer und Schüler beisammen oder, um es anders auszudrücken, sitzt meine nervöse Leidenschaft neben seiner verständnisvollen Ruhe.
Er kennt die Ozeane, aber scheint weniger besessen davon. Er hat nichts mehr zu beweisen, wodurch die kindliche Freude an der Sache zurückkehren kann. Morgens hockt er meistens auf einer kleinen Holzbank am Zaun, um die Wellen zu beobachten oder um das Leben passieren zu lassen. Ich setze mich dann dazu. Normaler-weise. Aber heute will ich gleich ins Wasser.
»I´ve seen some big waves today.«
Ich bleibe stehen und schaue ihn an.

Er blickt auf´s Meer. Seine Füße stehen fest auf dem Boden. Er ist so mühelos konzentriert, dass ich durchatmen muss, weil mir auf einmal bewusst wird, wie viel Anspannung in meinem Körper steckt. Jack guckt so liebevoll, allwissend und sanft, dass ich manchmal nur noch staunen kann. Nicht über das, was er sagt, sondern wie. Er dreht sich zu mir um. Sein Gesichtsausdruck ist präsent, weil er nicht nur mit den Lippen spricht, sondern mit den Augen, den Schultern und dem Rest. Sein Kommentar fußt auf einer genauen Beobachtung, unendlicher Erfahrung und ist so sachlich ausgesprochen, dass ich nicht im Entferntesten auf die Idee käme, daran zu zweifeln.
Und genau das beunruhigt mich jetzt.
Wer weiß, was mich da draußen heute erwartet?

Ich hadere einen Moment und Jack zwinkert mir zu. Das erinnert mich daran, Acht zu geben, vorsichtig zu sein und in einem Stück zurück auf unsere kleine Holzbank zu kehren. Aber er hält mich nicht auf. Er würde nicht im Traum daran denken, mir einen Ratschlag zu geben. Das hier muss ich selbst entscheiden. Ich atme schwer und Jack lächelt, weil er weiß, was in mir vorgeht. Vielleicht besser als ich selbst. Ich gebe mir einen Ruck, gehe durch das kleine Tor und paddele in die Lagune hinaus.

Es ist absolut windstill, perfekt und clean. Das ist das Wichtigste. Saubere Wellen sind deutlich einfacher zu surfen, als wenn irgendeine Kleinigkeit nicht stimmt, ein wenig Wind bläst oder die Wasseroberfläche unruhig ist. Manchmal reichen dunkle Wolken, um an meiner Verfassung zu schrauben. Wenn aber alles perfekt ist, ist die Größe fast egal. Jacks Worte kommen mir in den Sinn. I´ve seen some big waves today.

Nein, die Größe ist überhaupt nicht egal! Und mein Gefühl spricht schon lange Bände. Irgendetwas macht mich hier nervös. Es ist eine Menge Wasser in Bewegung. Das spüre ich schon im Channel. Als ich mich dem Riff nähere, sehe ich, dass nur ein einziger Surfer im Wasser sitzt, was bei den sauberen Bedingungen an ein Wunder grenzt. Oder etwas anderes bedeutet.

Matt hockt verdammt weit draußen. Wieso? Ich kenne die Antwort. Matt ist in den letzten Tagen wie von Sinnen gesurft. Völlig ohne Angst, ohne Zögern und ohne Rücksicht auf Verluste. Alles sieht so furchtbar einfach bei ihm aus. Selbst in den kritischsten Situationen bleibt er ruhig und steuert sein Brett immer tiefer in die speienden Tubes, mit denen es nur wenige hier aufnehmen können.
Oder wollen.

Es ist mir ein Rätsel, warum die richtig guten Surfer auch die härtesten „Wipeouts“ überstehen und gelassen wieder zurück ins Line Up paddeln. Ich vermute: Jahrelanges Training in den Waschmaschinen und Schleudergängen dieser Welt. Vielleicht lernt man die Tortur zu ertragen, wenn man sie nur häufig genug über sich ergehen lässt. Vielleicht, weil man einen ruhigeren Geist bekommt, denn mit weniger Angst reicht die Luft länger.
Ich setze mich direkt neben ihm auf mein Brett. Er blickt mich mit versteinerten Augen an. Er will etwas sagen, aber senkt den Blick wieder. Dann schaut er auf:
»It is fucking insane, man!!!«

Klasse. Einer dieser Sätze. Er kann alles bedeuten. Natürlich ist der Satz positiv gemeint. Aber positiv für Matt kann den Untergang für mich bedeuten. Ich blicke zum Horizont und dann wieder an Land. Ich paddele ein paar Meter weiter hinaus, um im Zweifelsfall rechtzeitig aus der Gefahrenzone zu kommen. Matt rührt sich nicht. Hoch konzentriert, meditativ, 100 Prozent aufmerksam.
Er ist vollkommen bereit. das ist so faszinierend wie beunruhigend.
Dann kommt ein Set. Nein, es stürmt auf uns zu.
Und ist RIESIG!
Wie auf Kommando bringt sich Matt in Position, während ich das Weite suche. Ich schaffe es unversehrt über die dunkle Wasserwand aus Beton und Vernichtung. Matt ist verschwunden. Hinter mir ertönt ein dumpfes, gewalttätiges Donnern, das sich in meinen Hinterkopf bohrt. Mein Herz hämmert in der Brust. Hektisch suche ich den Horizont nach weiteren Gefahren ab. Drei weitere Wellen heben mich in die Höhe und brechen ein paar Meter weiter vorne brüllend zusammen. Die Akustik ist beängstigend. Die Energie, die sich gerade entladen hat, zerstörerisch. Dann wird es ruhig. Nach ein paar Minuten kommt Matt zurück gepaddelt, will etwas sagen, aber findet keine Worte, was für mich alles erklärt. Er ist gerade mal wieder in einer gewaltigen Tube gesurft. Ein Ritt, von dem ich mein Leben lang nur träumen werde.

Nach knapp zehn Minuten dasselbe Spiel. Eine riesige Welle türmt sich auf. Ich bin geschockt, in Todesangst, bringe mich in Sicherheit und Matt surft. Als er zurückkommt, sagt er fünf Worte:
»The next one is yours!«
Das ist ein ungewöhnliches Angebot. Vielleicht auch ein Unmoralisches. Normalerweise versucht hier jeder seine Wellen zu bekommen, hat nichts zu verschenken. Alltagsgeschäft. Wettkampf und Strategie um die besten, die größten Brecher. Aber wir sind zu zweit und Matt will, dass ich weiß, was hier passiert.
Die Frage ist, ob ich das auch wissen will.

Als das nächste Set herannaht, hält er sich zurück und blickt erwartungsvoll zu mir herüber. Ich habe alle Zeit der Welt, um mich in die perfekte Position zu bringen. Ich paddele los. Das Monster türmt sich so hohl auf, dass es völlig unmöglich ist, über die Kante am obersten Teil in die Welle zu droppen. Der Blick hinunter ist die Hölle auf Erden. Gerade noch rechtzeitig ziehe ich zurück.
Unmöglich! Noch nicht mal nah dran.

Und unfassbar peinlich. Beim nächsten Set überlasse ich Matt wieder die Bühne. Aber er rührt sich nicht und bedeutet mir den nächsten Versuch. Das muss man sich mal vorstellen. Eine Welle, die es nicht alle Tage gibt, ein außergewöhnliches Juwel, Seltenheitswert und er lässt mir den Vortritt.
Wieder paddele ich, was das Zeug hält. Ich muss die Welle kriegen, aber ziehe im letzten Moment zurück, weil es unmöglich, und vor allem einfach nach Selbstmord aussieht. Wenn ich hier falle, ist es vorbei. Immerhin schnappt sich Matt die zweite Welle, und ich komme mir nicht ganz so sehr wie ein Spaßverderber vor.
Trotzdem, gleich ist er zurück und ich bin noch nicht eine Welle gesurft. Ich habe die einmalige Gelegenheit, alleine mit einem Profi in perfekten Wellen zu surfen und kacke mir in die Hose. Das gibt’s doch alles nicht:
Dass ich versage, nicht in die verdammten Wellen komme, das Ganze bei Matt so einfach aussieht und vor allem: Überhaupt.

»Just do it, man!«
Matt schaut ernst zu mir hinüber. Er hat Verständnis für meine Lage. Nein, hat er nicht. Dann kann er ein kleines Grinsen nicht zurückhalten. Er weiß, was in mir vorgeht. Ich habe eine Scheißangst, aber auch den Lottogewinn des Lebens direkt vor meiner Nase.
Es ist klar, dass ich eine Welle nehmen muss. Egal, was passiert.
Also kann es auch die nächste sein. Egal, was passiert. Ich ziehe nicht zurück. Wenn es mich erwischt, habe ich es probiert. Gut und aus. Andere Surfer fallen auch in solchen Monstern hin und tauchen wieder auf. Wahrscheinlich jeden Tag. Also wage ich einen Versuch. Es kann auch die nächste Welle sein.
Ich kann es schaffen, wenn ich es wirklich will. Matt surft die ganze Zeit, was bedeutet, dass es möglich ist. Es geht los.

Ich könnte brüllen, während ich paddele, aber lenke die ganze Energie in meinen Körper. Mit einem stillen Schrei im Nacken drücke ich das Brett die sich auftürmende Welle hinab. Ich muss einfach hinein. Als ich an den Punkt gelange, an dem alles weitere unmöglich ist, ziehe ich zwei Züge hinterher.
Jetzt hänge ich in der Welle drin. Es gibt kein zurück mehr, also versuche ich aufzuspringen. Wie durch ein Wunder falle ich über drei Meter hinab und lande auf meinem Brett. Ich gehe tief in die Hocke, um das Gleichgewicht zu halten. Das Schwierigste ist vollbracht.
Aber kein Grund, sich in Sicherheit zu wiegen.
Jetzt kommt der zweite Teil. Über mir baut sich ein riesiger Koloss auf, der im nächsten Moment mit solcher Gewalt zusammenstürzen wird, dass er alles zertrümmert, was sich ihm in den Weg stellt. Meine Vernunft schreit mich an, der Lebensgefahr aus dem Weg zu gehen, zu flüchten, einfach geradeaus. Meine Intuition entscheidet anders. Mit einer kleinen Kurve schaffe ich es dicht an die Wand. Anstatt zu fliehen, verharre ich, wo ich gerade bin. Regungslos vor Furcht, nein, überzeugt dank einer Gewissheit, die hier nicht hingehört.
Ich stehe aufrecht in einem riesigen Tunnel aus Wasser, der über mir zusammenbricht. Eine gewaltige Tube, über der ein ganzer Berg, ein ganzer Ozean liegt, der mich zermalmen will. Und wird. Ein Moment aus purer Lebensangst. Aber auch ein Moment, in dem alles stimmt. Die zerstörerische Energie ist überall, bei mir, mit mir, um mich herum. Ich hänge in der Mitte, sicher zu sterben und sicher, dass alles stimmt. Unglaublich intensiv, aber fast entspannt jage ich durch die tödliche Gefahr. Dann katapultiert mich das Ungetüm zurück in die Welt. Die Welle spuckt mich aus und ich gelange auf die Schulter und über den Kamm hinaus.
Mein Körper fällt in ungläubige Stille. Aber nur kurz. Dann setzt meine Atmung ein und ich drehe durch. Ich schreie mir die Seele aus dem Leib und fange dabei so plötzlich an zu lachen, dass ich husten muss. Ich kriege Hals- und Kopfschmerzen, aber die tun nicht mehr weh, weil ich nur aus Erleichterung bestehe. Grenzenlose Freude vibriert durch meinen Körper und die Euphorie schlägt Purzelbäume aus unsichtbaren Lichtblitzen durch meine Beine. Ich spinne total. Als ich wieder bei Matt angekommen bin, versuche ich den Quatsch in mir zu halten.

Gelingt aber nicht.
Ich labere irgendetwas in irgendeiner Sprache und verschlucke mich dabei. Der krass fokussierte Ausdruck in Matts Gesicht weicht. Ein paar kleine Falten an den Augen, die Mundwinkel ein Stück nach oben und es bricht aus ihm heraus. Wir lachen zusammen. Wie Kleinkinder mit Quietscheentchen in der Badewanne. Genau so. Alles ist albern ausgelassen und nie haben sich zwei Menschen besser verstanden, ohne sinnvolle Worte auszutauschen.

Für mich ist die Sache damit gelaufen. Und das erscheint mir wie das zweite Wunder an diesem Tag. In wie vielen Sessions ist genau das Gegenteil passiert: Eine gute Welle, die Adrenalin durch den Körper schießt und mich für Stunden mit Verlangen und Energie nach mehr versorgt. Egal wie müde, verkatert oder lustlos ich auch bin. Eine kraftvolle Welle und alles ist wie weggeblasen. Ein gutes Set, ein großes Teil treibt pure Freude durch den Körper, die alle Bedürfnisse vergessen lässt. Normalerweise. Aber nicht an diesem Tag, nicht nach dieser Welle. Diesmal ist es anders. Ich habe genug. Ich hab´s getan und der Moment war so stark, dass ich keine Welle mehr surfen werde, um dieses Erlebnis in ein anderes Licht zu rücken oder womöglich dabei drauf gehe. Genug erlebt. Intensität ausreichend bis unfassbar. Ich bin weder körperlich noch mental zu einem zweiten Kraftakt von solchem Ausmaß in der Lage. Außerdem weiß ich jetzt, welche Gewalt in dieser Welle steckt und will auf keine Fall einen „Wipeout“ riskieren. Und ein kurzes Zögern wäre der Untergang. Keine Frage. Das nächste Set kommt, und Matt tut, was er tun muss.

Es kommen ein paar weitere Surfer zu uns nach draußen. Nach einer Stunde sind wir etwa 20 Mann. Aber eigentlich sind wir alle nur Statisten. Drei Jungs paddeln für die großen Wellen, der Rest schaut zu. Jedes mal, wenn sich ein Set am Horizont auftürmt, jubelt das Line Up los und mir fährt ein fröhlicher Schauer durchs Mark. Gänsehaut am ganzen Leib. Die Stimmung ist granatenstark. Wir gehören zusammen, bestaunen ein Wunder der Natur und feuern die drei letzten Helden an, die sich in diesen Wahnsinn stürzen. Der Anblick aus nächster Nähe, wenn einer versucht in die donnernden Biester zu „droppen“, ist unvergesslich.

Zum 9. Teil Andi hat Sehnsucht nach zu Hause

Zum 8.Teil Andi trifft den Hai

Zum 7. Teil Andi lernt Salsa lieben

Zum 6. Teil Andi trifft eine Entscheidung

Zum 5. Teil Andi findet Edelsteine auf Sri Lanka

Zum 4. Teil Andi landet auf Sri Lanka

Zum 3. Teil Heimaturlaub

Zum 2. Teil Andi reist nach Australien

 Zum 1. Teil Andi reist nach Bali

Zum Interview mit Andreas Brendt geht es hier

Zur Webseite des Buchs geht es hier

Ein Kommentar

  1. mittlerweile ist die Fortsetzung da…

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