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Philologen-Chef Meidinger vergleicht Englisch in der Grundschule mit dem G8: „Schnellschüsse in der Bildungspolitik“

BERLIN. Als „absolut sinnvoll, notwendig, ja als im Grunde genommen überfällig“ hat der Chef des Deutschen Philologenverbandes, Heinz-Peter Meidinger, die Ankündigung der baden-württembergischen Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) bezeichnet, den Englisch- und Französischunterricht an der Grundschule auf den Prüfstand zu stellen.

Englisch-Unterricht frühestens ab Klasse 3: Heinz-Peter Meidinger, Vorsitzender des Deutschen Philologenverbands. Foto: Deutscher Philologenverband

Englisch-Unterricht frühestens ab Klasse 3: Heinz-Peter Meidinger, Vorsitzender des Deutschen Philologenverbands. Foto: Deutscher Philologenverband

Nicht nur die Erfahrungen der Englischlehrkräfte an weiterführenden Schulen, sondern auch bereits vorliegende Studien von Sprachdidaktikern aus Eichstätt, Leipzig und Gießen wiesen darauf hin, dass es in der Praxis bislang kaum einen Unterschied ausmache, ob die Schülerinnen und Schüler mit dem Englischunterricht in Klasse 1 angefangen hätten oder in Klasse 3, erklärte Meidinger.

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Der Verbandschef betonte: „Seit Jahren fordern wir, dass genauso wie in Mathematik und Deutsch verbindliche Bildungsstandards auch für das Fach Englisch in der Primarstufe eingeführt werden. Bislang wurden diese Vorstöße jedoch in der Kultusministerkonferenz nicht aufgegriffen, obwohl die Kenntnisse der auf weiterführende Schulen übertretenden Kinder so weit auseinanderklaffen, dass dort nicht selten bei Null begonnen werden muss. Wir erwarten, dass Frau Eisenmann als neue KMK-Präsidentin dieses Thema auch bundesweit aufgreifen wird!“

Meidinger erinnerte daran, dass die Vorstellung naiv und wissenschaftlich in keiner Weise belegt sei, dass allein der frühe Beginn des Fremdsprachenunterrichts automatisch zu besseren Fremdsprachenkenntnissen bei Jugendlichen führe. Die Effektivität des Englischunterrichts an der Grundschule hänge ganz entscheidend davon ab, wie gut qualifiziert die Lehrkräfte seien, wie klar und verbindlich einheitliche Bildungsziele definiert würden, wie viele Stunden dafür zur Verfügung stünden und wie gut Methodik und Didaktik des frühen Fremdsprachenunterrichts auf den Unterricht an weiterführenden Schulen abgestimmt seien.

Der Verbandschef dazu: „An allen diesen Voraussetzungen hapert es zum Teil gewaltig!“ Er plädiere zwar nicht für eine Abschaffung des Fremdsprachenunterrichts an den Grundschulen, so Meidinger, aber für eine ehrliche Bestandsaufnahme und dafür, dass dann auch die notwendigen Konsequenzen gezogen werden. Seiner Meinung nach müsse das heißen:

  1. Intensivierung des muttersprachlichen Unterrichts in den Klassen 1 und 2 der Grundschule und Beginn des Fremdsprachenunterrichts frühestens in der 3. Jahrgangsstufe.
  2. Erarbeitung klarer und verbindlicher Bildungsstandards für den Fremdsprachenunterricht an der Grundschule.
  3. Weitere Qualitätssteigerung in der fremdsprachlichen Ausbildung bei Grundschullehrkräften, die Fremdsprachen unterrichten.
  4. Priorität an den Grundschulen muss der ausreichenden Beherrschung der deutschen Sprache und Wort und Schrift eingeräumt werden.

Der Vorsitzende des Philologenverbandes erinnerte daran, dass die „teilweiseüberstürzte und konzeptionslose Einführung des frühen Fremdsprachenunterrichts vor 15 Jahren“ ähnlich wie bei der gleichzeitig verordneten Schulzeitverkürzung eine Folge der damals bei Bildungspolitikern und Parteien weit verbreiteten Vorstellung gewesen sei, ohne diese Reformen würden deutsche Schulabsolventen auf dem globalisierten Arbeitsmarkt chancenlos abgehängt.

Meidinger: „Heute wissen wir, dass Schnellschüsse in der Bildungspolitik selten das Ziel treffen, oft zu Kollateralschäden führen und dann später mühsam korrigiert werden müssen.“ N4t

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15 Kommentare

  1. Englisch in der Grundschule ist wie Integralrechnung in der Hauptschule – Unsinn!

  2. Einverstanden. Englisch frühestens ab Klasse 3.

    Mehr Zeit für Lesen, Schreiben, Rechnen!

    • … Englisch aber nur für Kinder, die in Klasse 3 bereits hinreichend gut Lesen, Schreiben und Rechnen können.

      • @ XXX: Dann bräuchte die Klasse gleichzeitig 2 Lehrer. Einen für Englisch und einen für Deutsch. Geht bei uns schon mal nicht (Wir sind 4 Lehrer für 4 Klassen, wenn niemand krank ist). Außerdem würden uns die Eltern aufs Dach steigen, wenn ihre Kinder noch nicht Englisch lernen dürften, die anderen aber schon.

        • Ich meinte das wie schon unter einem anderen Artikel als Zusatz. Die guten haben in den beiden Stunden Englisch, die schwachen halt Mathe oder Deutsch. Das setzt natürlich entsprechendes Personal voraus oder klassenübergreifende Lerngruppen während der Englisch- bzw. Förderstunden. Das müsste auch mit vier Lehrern für vier Klassen funktionieren.

          • Das wären dann eher Förderstunden. Haben wir nicht.

          • In meinem Modell von 21:26 hätte man automatisch Mathe- bzw. Deutsch-Förderstunden und parallel dazu Englisch-Forderstunden.

  3. Es wird in der Grundschule gar nicht so viel Zeit für Englisch verwendet wie vermutet. Vorgesehen sind 2 Unterrichtsstunden pro Woche. Die Lehrer, die das gut können, nutzen diese aus, dann haben die Schülerchen auch was davon. Die Lehrer, die es unterrichten müssen, nehmen sich dafür meistens so 20 Minuten oder unterrichten lieber 3mal kurz als 2mal lang. So sieht es aus. Die Zeit, die für Englisch verwendet wird, fehlt den Schülern sicher nicht für Deutsch und Mathemaik. Dritt – und Viertklässler haben bei uns 7 Wochenstunden Deutsch und 5 Wochenstunden Mathematik. Und wenn es mal schwieriger ist, dürfen wir andere Stunden abzwacken und eben mal mehr Mathe machen. Geht in der Grundschule, da wir nicht Fachlehrer sind.
    Gutes neues Jahr übrigens.

    • Danke für die Informationen. Sie erklären wunderbar die immense Streuung der Englischkenntnisse zu Beginn der Klasse 5.

      Andererseits stellt sich erneut die Frage, weshalb die Kopfrechen- und Rechtschreibkenntnisse bei so vielen Unterrichtsstunden in den letzten Jahr(zehnt)en so massiv nachgelassen haben. Dieses Fass möchte ich an dieser Stelle aber nicht erneut öffnen.

  4. Nur eine kurze Antwort: Die Kinder kommen mit anderen Voraussetzungen in die Schule und es gibt keine Zensur mehr für die weiterführenden Schulen (außer in Bayern),

  5. @xxx: Dann müsste es aber planmäßig Förderstunden geben, oder nicht? Bei uns gibt es nur Förderstunden, wenn Lehrerstunden dafür übrig bleiben. Das ist so gut wie nie der Fall. Im Stundenplan der Kinder sind keine Förderstunden enthalten, die gibt es wie gesagt nur in Luxuszeiten, dann sind es aber meistens die 6. Stunden und es ziemlich fraglich wie aufnahmebereit SuS da noch für Förderung in kleinen Gruppen sind.

  6. Bitte nicht vergessen: In der Grundschule werden alle Schüler unterrichtet und nicht nur potentielle Gymnasialschüler. Die Stundentafel in der Grundschule gibt maximal 2 Stunden in der Woche für Englisch her. Man kann das nicht als Grundlage für einen gymnasialen Englischunterricht mit seinem systematischen Sprachenlernen sehen. Deswegen macht man das in der Grundschule, was in 2 Stunden möglich ist: Freude an der Sprache mit einigen Grundkenntnissen im Hörverstehen und dem Umgang mit Sprachfloskeln und einigen Wörtern vermitteln. Im Grunde genommen ist das ein abgespeckter Volkshochschukurs für Grundschüler. Vorteil: Die Schüler gewinnen ohne Stress und Leistungsdruck einen Zugang zur Sprache und entwicklen ein Interesse für englischsprachige Länder. Meine Erfahrung: Einige Schüler sind so motiviert, dass sie Interesse bekunden, einmal mit ihren Eltern in den Ferien nach London zu reisen, was manche auch machen. Im Land zu sein und die Sprache zu hören und gern zu sprechen ist doch das Beste, was passieren kann. Auf dieser Motivation, deren Wert nicht zu unterschätzen ist, kann dann ein gymnasialer, wesentlich leistungsorientierter Unterricht aufbauen.

    • Bernhard Färber

      Zugang zur Sprache entwickeln, Interesse für englischsprachige Länder wecken, einmal mit den Eltern nach London fahren …

      Also, als das Grundschulenglisch eingeführt wurde, klang das aus dem Munde der verantwortlichen Bildungspolitiker ganz anders. Nur wenn man frühzeitig mit dem Fremdsprachenunterricht beginne, könnten unsere Kinder später auf den globalisierten Arbeitsmarkt bestehen, hieß es seinerzeit.

      Inzwischen muss man doch festhalten:

      1. Für verbesserte Sprachkompetenzen am Ende der Schulzeit hat das Grundschulenglisch gar nichts gebracht.
      2. Die enttäsuchenden Ergebnisse der letzten TIMSS-Studie über die Kenntnisse von deutschen Grundschulkindern in Deutsch und Mathematik haben deutlich gemacht, dass gerade hier im Kernbereich besserer und mehr Unterricht nötig ist.
      3. Um mit Englisch erstmals locker in Kontakt zu kommen, brauche ich heute die Schule nicht mehr, das besorgen Internet, soziale Netzwerke und Medien von ganz alleine.
      4. An den weiterführenden Schulen leidet der Englischunterricht im ersten Jahr mittlerweile vor allem daran, wie Lehrkräfte berichten, dass man den Kindern, deren Anfangsbegeisterung bis dato oft schon lange verpufft ist, erst klar machen muss, dass da jetzt ebenso wie in den anderen Fächern ernsthaft gearbeitet werden muss. Aus die Maus mit „anything goes“!

      • zu Nr.1:
        Das glaube ich nicht so sehr. Im Bereich von Hörverstehen, Sprechen, Aussprache und langsames Einüben von Sprechfloskeln bringt das Grundschulenglisch schon gute Grundlagen, vorausgesetzt man verwendet richtige Englischlehrwerke für die Grundschule – ich bin z.B. mit „Sally“ sehr zufrieden – (und nicht nur die so „tollen“ children books für Kleinkinder und rhymes) und das Fach findet annähernd zweistündig statt.
        Nr. 2:
        In Bayern würde ich die dreistündige Religion auf 2 Stunden kürzen, um Deutsch wieder siebenstündig zu machen. Mathe ist im Augenblick fünfstündig, was es schon immer war.
        Nr. 3:
        Für Grundschüler halte ich diese Medien als Zugang zur Fremdsprache ungeeignet.
        Nr. 4:
        Das stimmt. Das hören wir auch immer wieder und das glaube ich auch. Allerdings höre ich von den Schülern, dass sie relativ schnell umgestellt haben. Als Englisch in der 5. Klasse anfing, gab es ja auch ähnliche Probleme. Spätestens die erste 4 oder 5 ließ bei vielen die anfängliche Begeisterung schwinden. Das Ganze war nur verzögert.
        Vielleicht gäbe es eine Lösung, den Übergang anders zu gestalten.

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