Versinkt der Schulstart in NRW im Chaos? Gebauer bietet Schulen an, Hygiene-Artikel für sie zu bestellen – zwei Tage vor Unterrichtsbeginn für 250.000 Schüler

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DÜSSELDORF. Die schwarz-gelbe Landesregierung von Nordrhein-Westfalen hat es geschafft, alle organisierten Interessengruppen rund um die Schule gegen sich aufzubringen. Lehrer-, Schulleiter-, Eltern- und Schülervertretungen sowie die Kommunen fordern einmütig, die „verfrühten“ Schulöffnungen abzublasen, wenn die geforderten Hygienestandards nicht eingehalten werden können. Und das ist absehbar bis Donnerstag nicht der Fall. Die Rede ist von „Chaos“ und „Aufruhr“. Das Ministerium wirkt überfordert.

Forsch voran: NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer .Foto: FDP NRW

Die nordrhein-westfälischen Schulen sind aus Sicht der SPD-Opposition und der Lehregewerkschaften für die Rückkehr der ersten Schüler an diesem Donnerstag nicht gerüstet. Klare Vorgaben der Landesregierung fehlten nach wie vor an vielen wesentlichen Stellen, kritisierte SPD-Fraktionsvize Jochen Ott am Dienstag in Düsseldorf. „Die Umsetzung ist chaotisch.“ Auch die Grünen fordern Nachbesserungen.

Wegen zu später und teils widersprüchlicher Kommunikation des Schulministeriums hätten die Schüler immer noch keine Klarheit, wer nun am Donnerstag in die Schulen kommen müsse und wer – wegen der eingeschränkten Kapazitäten in der Corona-Krise – überhaupt kommen könne, bemängelte Ott. Die Schulen wiederum wüssten nicht, wie viele Lehrer erscheinen werden oder wegen Vorerkrankungen nicht für den Unterricht infrage kämen. „Man hatte ein PR-Ziel: Das war der Exit“, warf Ott der CDU/FDP-Koalition vor. „Seitdem versucht man ständig nachzubessern.“

Die Landesregierung will ab diesem Donnerstag wieder Prüflinge an den Schulen zulassen – für die knapp 90.000 angehenden Abiturienten auf freiwilliger Basis. Für Schüler, die vor anderen Abschlussprüfungen stehen, gilt dagegen wieder die Schulpflicht.

GEW: „Das Schulministerium hätte es wissen müssen“

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) geht von einem „verfrühten Schulstart“ aus. „Unsere Kolleg*innen in den Schulen stellen im Rahmen ihrer Vorbereitung frustriert und zornig fest, dass sie den Gesundheitsschutz nicht gewährleisten können“, fasst GEW-Landesvorsitzende Maike Finnern die zahlreichen Rückmeldungen aus den Schulen zusammen. „Weder die personellen noch die gesundheitlich erforderlichen Voraussetzungen sind gegeben“, so erklärt sie und betont: „Das Schulministerium hätte es wissen müssen, denn wir haben auf breiter Basis genau darauf hingewiesen.“ Zahlreiche Lehrkräfte hätten sich in den letzten Tagen hilfesuchend mit eindringlichen Situationsbeschreibungen an die Gewerkschaft gewandt.

Es bestätige sich genau das, so Finnern, wovor die GEW gewarnt habe: Unterricht in Kleingruppen mit Abstandsgebot binde nicht nur viel Personal, sondern erfordere auch entsprechende Raumkapazitäten. Das Schulministerium schleiche sich aus der Verantwortung, wenn jetzt nicht effektive Maßnahmen ergriffen würden. „Wenn das Abstandsgebot von 1,5 Metern nicht eingehalten werden kann, muss eine Schutzmaskenpflicht eingeführt werden“, verlangt die GEW-Chefin. Nach Angaben des Schulministeriums gilt ab Donnerstag für maximal zehn Prozent der rund 2,5 Millionen Schüler in NRW wieder verpflichtender Unterricht. Für sie seien genügend Räume vorhanden, um unter Einhaltung des Infektionsschutzes in geteilten Gruppen zu starten.

VBE: Ministerium und Schulträger müssen miteinander reden

Auch der VBE fordert, im Zweifel die Schulöffnungen abzublasen. „Die Schulleitungen und Kollegien tun zurzeit ihr Möglichstes, um den sehr knappen Zeitplan zur Wiedereröffnung der Schulen zu schultern“, sagt Landesvorsitzender Stefan Behlau. „Es gilt, Lerngruppen einzuteilen, Unterricht neu zu strukturieren, der nicht vergleichbar ist mit dem Unterricht vor dem Lockdown und gleichzeitig die notwendigen Maßnahmen und Maßgaben zum Schutz unter schwierigen Bedingungen zu organisieren.“ Die Situation in den Schulen im Land sei sehr herausfordernd, so Behlau. „Die Schulen brauchen ausreichend Zeit, eine klare Kommunikation und eine angemessene Unterstützung. Landesregierung und Schulträger müssen dringend miteinander und nicht übereinander reden, um die Schulen zu unterstützen. Bei sämtlichen Entscheidungen sollte in erster Linie die Gesundheit aller im Mittelpunkt stehen. Schülerschaft und Lehrpersonal sind keine Versuchskaninchen“, meint er.

Behlau: „Schulträger und Schulen brauchen klare Vorgaben und eine gemeinsame Linie zur Umsetzung des Gesundheitsschutzes in den Schulen. Hier darf es zu keinen Unstimmigkeiten kommen. Die Verantwortung ist nicht allein auf die Schultern der Schulleitungen abzuwälzen.“ Weiter betont er: „Sorgfalt, Sicherheit und die Gesundheit aller sollten bei der schrittweisen Wiedereröffnung der Schulen Maßgabe sein – nicht die Öffnung um jeden Preis.“

Schulleiter fragen sich: Gibt’s überhaupt genügend Lehrer?

Wie es in der Praxis aussieht, verdeutliche heute der Harald Willert von der Schulleitungsvereinigung NRW in einem Interview mit dem „Deutschlandfunk“. „In Dortmund hat man gestern meines Wissens am Nachmittag den Schulleitungen mitgeteilt, dass sie mit Desinfektionsmitteln nicht rechnen sollten“, so berichtete er. Auch das Reinigen der Tische sei nicht abgesichert, „denn die Frage ist, wer soll das zwischen den verschiedenen Schülern, sprich, wenn eine neue Schülergruppe kommt, machen?“

Ein weiteres Problem, das vom Ministerium nicht angesprochen werde: Viele Schulleiter hätten nur einen Bruchteil ihrer Kollegen aufgrund der Bedingungen im Haus. „Ich habe an Ostern mit einer Gesamtschulleiterin mal überschlagen, was es bedeutet, wenn die Kolleginnen und Kollegen, die 60 Plus, durch Krankheit vorbelastet oder schwanger sind, herausgerechnet werden, was mir bleibt vom Kollegenstamm, so sie gesund bleiben. Das sind um 50 Prozent. Die meisten verlieren 30 Prozent aus ihrem Zugriff und mehr.“

Gebauer sichert Schulen Unterstüzung zu

Unterdessen sicherte Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) den Schulen Unterstützung bei der Versorgung mit Hygiene-Material und Schutzausrüstung zu – heute, nur zwei Tage vor dem von ihr angeordneten Schulbeginn. „Die Schulträger können über eine Vermittlung der Bezirksregierung Münster bei Lieferanten eine Million Schutzmasken und mindestens 20.000 Liter Desinfektionsmittel kostenpflichtig bestellen“, teilte das Ministerium mit. Das Angebot gelte für Schulen mit Engpässen. Sie könnten so auch mobile Hygienestationen mit Handwaschmöglichkeiten beziehen. Wie das Material bis übermorgen früh in die Schulen gelangen soll, dazu gibt es keine Angaben.

„Das Land gibt damit eine Garantie, dass die Schulen und Schulträger, bei denen entsprechende Materialien wie Desinfektionsmittel und einfache Schutzmasken noch nicht in ausreichendem Maße für die nächsten Tage vorhanden sind, diese versorgt werden können“, betonte Gebauer. Und: „Ich bin davon überzeugt, dass bei den allermeisten Kommunen ohnehin auch aufgrund ihrer anderweitigen Aufgaben entsprechende Lieferbeziehungen schon lange bestehen.“ An anderer Stelle in der Presseerklärung heißt es: „Wir sind davon überzeugt, dass die Wiederaufnahme des Schulbetriebs von ihnen gut vorbereitet wird.“ Heißt wohl: Kontrollen – oder auch nur Gespräche mit den Kommunen – zum Stand der Vorbereitung hat es nicht gegeben. Der Städtetag NRW hatte bereits am Wochenende eine Verschiebung des Schulbeginns gefordert.

An diesem Mittwoch muss Gebauer im Schulausschuss des Düsseldorfer Landtags Rede und Antwort stehen. Die SPD moniert, neben der Vorgabe, 1,5 Meter Abstand zwischen einzelnen Personen zu halten, fehle jede Vorgabe über eine maximale Gruppengröße im Raum. Auch die Beförderung von zigtausend Schülern unter Corona-Hygiene-Standards sei völlig ungeklärt.

Schüler mit Vorerkrankungen brauchen nicht zu erscheinen

SPD und Grüne bezweifeln, wie das Schulsystem über 200.000 Prüflinge allein aus den Berufskollegs verkraften soll. Da viele nur zwei Tage pro Woche an der Berufsschule seien, werde es nicht so viele Rückkehrer geben, hält das Schulministerium dagegen. Zudem werde der Zugang an die Kapazitäten angepasst: Vorrang haben Berufsschüler, die noch Vorabiturklausuren schreiben müssen, danach Fachklassen vor anderen Abschlussprüfungen. Falls die Kapazitäten und Schutzvorrichtungen nicht für alle Prüflinge ausreichen sollten, werden demnach nicht alle schon am Donnerstag zurückkehren können.

Wichtige Information für Risiko-Gruppen: Bei Schülern mit Vorerkrankungen, für die das Coronavirus lebensgefährlich werden könnte, entscheiden die Eltern über den Schulbesuch und informieren die Schulen schriftlich. „In der Folge entfällt die Pflicht zur Teilnahme am Präsenzunterricht“, erklärte das Ministerium. Diese Schüler sollten spezielle Lern- und Prüfungsangebote erhalten.

Landesschülervertretung will Schulöffnung boykottieren

Der Landesschülervertretung und dem Aktionsbündnis «Schulboykott NRW» reicht das nicht. Die Boykott-Aktivisten fordern für 2020 ein Abi nach Durchschnittsnoten ohne Abschlussprüfungen; die Schülervertretung ist für eine Wahlmöglichkeit. Ein offener Protestbrief erreichte nach Angaben der Aktivisten 6000 Unterstützer. Eine von der Polizei genehmigte «Stellvertreterdemonstration» von 15 Schülern mit Mundschutz vor der Düsseldorfer Staatskanzlei habe in dieser Woche 1300 weitere virtuelle Teilnehmer im Netz gehabt.

Der Landeschef der Grünen, Felix Banaszak, sagte: „Wir Grüne sind nicht Teil der Bewegung zum Schulboykott und rufen auch nicht zum Boykott von Unterricht auf. Die Schülerinnen und Schüler haben getan, was sie tun konnten, um dieses Chaos zu stoppen.“ Jetzt sei es aber Aufgabe der Politik, die richtigen Schlüsse zu ziehen. Im Internet hat die Partei unter dem Motto «Abschlusschaos in NRW» eine Plattform geschaltet für persönliche Erfahrungsberichte von Schülern und Lehrern. Grünen-Fraktionschefin Monika Düker legte einen Antrag an den Landtag vor. Die Grünen fordern unter anderem eine «Taskforce Pandemie», um in Kooperation mit Unternehmern und Verbänden die Produktion von Schutzmaterial zu steigern. News4teachers / mit Material der dpa

Auch Elternschaft in Sorge

Die Landeselternschaft der Gymnasien Nordrhein-Westfalen, die größte einzelne Elternorganisation in Deutschland, hat in einem offenen Brief auf die wachsenden Irritationen um die Schulöffnungen im Land reagiert. Darin heißt es:

„Wie wir sehen und vorausgesehen haben, befindet sich die ‚Schulgemeinschaft‘ in unserem Land in großem Aufruhr. Das Misstrauen gegenüber der Verwaltung bzgl. der Umsetzung der Hygienevorgaben hat zu unser aller Leidwesen sehr zugenommen, seitdem von der Landesregierung verkündet wurde, dass die Schulen ab dem 23. April für 148.000 Schülerinnen und Schüler wieder öffnen sollen. Folgende Fragen blieben dabei bisher unbeantwortet: ‐

  • Wie viele Lehrer stehen für den Präsenzunterricht zur Verfügung und sind zudem fachlich passend? Reichen die Kapazitäten aus?
  • Wie viele Schulräume bieten für wie viele Schülerinnen und Schüler unter den bekannten Vorgaben Platz? Reichen hier die Ressourcen aus?
  • Schaffen es die Schulen/Schulträger, die Vorgaben zum Hygiene- und Infektionsschutz bis Donnerstag zu erfüllen? In diesem Zusammenhang müssen Formulierungen wie ’sollen‘ und ’sollten‘ in ‚muss bzw. müssen‘ geändert werden, damit kein Ermessensspielraum bleibt.
  • Wie wird die Beförderung organisiert? Können genügend Beförderungsmittel zur Verfügung gestellt werden?
  • Wie sieht die Entscheidung aus, wenn diese Fragen teilweise mit „Nein“ beantwortet werden müssen?
  • Wie wird mit Schülerinnen und Schülern umgegangen, die mit Angehörigen aus einer Risikogruppe zusammenleben? Dürfen diese zum Schutz ihrer Angehörigen dem Präsenzunterricht fernbleiben? Wie werden die Prüfungen für sie durchgeführt?
  • Bedarf es bei Schülerinnen und Schülern sowie Lehrerinnen und Lehrern aus einer Risikogruppe eines ärztlichen Attestes für den Wegfall der Präsenzpflicht?
  • Warum dürfen schwangere Lehrerinnen nicht am Lernen auf Distanz teilnehmen?
  • Wie sollen arbeitende Eltern die Betreuung ihrer Kinder gewährleisten? Insbesondere für Selbständige stellt dies ein großes Problem dar. Stehen hierfür Ressourcen zur Verfügung?

Wir haben immer darauf hingewirkt, dass alle Beteiligten gemeinsam Szenarien durchdenken, um alle Aspekte frühzeitig zu berücksichtigen, dann hätte man die Antworten auf diese Fragen bereits berücksichtigen und kommunizieren können.

Um verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen, regen wir nun an, dass die Eltern- und Schülervertreter einer jeden Schule entweder als Gast zu der geplanten Begehung eingeladen oder über die jeweiligen Ergebnisse umgehend informiert werden.

Per Mail an: Frau Ministerin Yvonne Gebauer, Herrn Staatssekretär Mathias Richter Ministerium für Schule und Bildung des Landes Nordrhein-Westfalen, Herrn Klaus Hebborn Städtetag Nordrhein-Westfalen Herrn Claus Hamacher Städte- und Gemeindebund NRW, Herrn Dr. Kai Zentara Landkreistag Nordrhein-Westfalen“

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4 KOMMENTARE

  1. Bei einem Sitzabstand von 1,5m ist es keinem Schüler gestattet, sich überhaupt zu bewegen. Der Raum müsste von hinten nach vorne aufgefüllt werden, um durch Bewegungen in der Klasse nicht ständig die Abstandsregeln zu brechen. Auch die Lehrkraft muss sich hier einordnen und darf sich nicht bewegen, geschweige denn durch die Klasse gehen. Ich frage mich nur: Warum kann den Wahnsinn einzelner Personen keiner stoppen?

  2. Ich glaube, die Sache mit dem Durchschnittsabitur hat sich seit dieser Woche erledigt. Zu viele Schüler sind bereits in den Prüfungen. Soll die Vergleichbarkeit bleiben, so müssen die Prüfubgen jetzt sogar geschrieben werden. Auch wenn die Vergleichbarkeit an sich eh nur eine Farce ist.

  3. Wieso im Chaos? „Der unendliche leere Raum“ bedeutet „Chaos“.

    Aber bei der Wiederöffnung der leeren Schulen und Klassenräume geht es doch um das Gegenteil.

    Es wäre doch schön, das ganze würde im „Chaos“ enden – also in wieder leeren Räumen.

  4. ZP-Unterricht, Tag 1: 15 Minuten in einer Menge auf die Lehrkraft warten. 15 Minuten Stillarbeit, ein Blatt lesen. Dann wieder nach Haus. Ups, ein Schulkamerad meldet sich, er ist gekommen um die Vorbereitung nicht zu verpassen, OBWOHL SEIN VATER CORONAPOSITIV IST.

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