Kein Geld, kein Personal: Zweifel am Rechtsanspruch auf Ganztag werden lauter

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STUTTGART. Eltern in Deutschland haben in wenigen Jahren Recht auf eine Ganztagsbetreuung ihrer Kinder. Allerdings ist mehr als fraglich, ob das auch umgesetzt werden kann. Denn den Kommunen fehlt Geld und es fehlt das Personal. Zweifel am Rechtsanspruch werden immer lauter.

Der Traum vom Rechtsanspruch auf einen Ganztagsplatz in der Grundschule könnte platzen. Foto: Shutterstock

Unter dem Druck von Fachkräftemangel und leeren Kassen stellen Städte und Gemeinden das Recht auf den Ganztagsanspruch bei der Kinder-Betreuung immer lauter in Frage. Der baden-württembergische Gemeindetag zum Beispiel fordert nun erneut, den Anspruch zurückzustellen und stattdessen mehr in die Digitalisierung der Schulen zu investieren.

Bereits jetzt hätten die Kommunen keine Möglichkeit, mit den derzeitigen Haushaltsmitteln ihre Pflichtaufgaben zu erfüllen, sagte der Präsident des Gemeindetags, Steffen Jäger, den «Stuttgarter Nachrichten» und der «Stuttgarter Zeitung». Es sei deutlich, dass es für viele wichtige Zukunftsthemen kein Geld mehr gebe. «Wir müssen uns Luft verschaffen für Zukunftsgestaltung. Das klappt nur, wenn wir Prioritäten setzen», sagte Jäger.

Die Gemeinden erteilten der Ganztagesbetreuung an den Grundschulen sicher keine generelle Absage. «Den Rechtsanspruch stellen wir aber in seiner Realisierbarkeit infrage», sagte der Verbandspräsident. «Denn de facto weiß niemand, wie dieser Anspruch erfüllt werden kann.»

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Würde der Rechtsanspruch zurückgenommen, könnten sicher einige hundert Millionen Euro an Bundesmitteln umgeschichtet werden. «Ein kleiner Teil der Mittel sollte weiterhin in den Ausbau des bestehenden Ganztagsangebots fließen. Aber man hätte dann sicher auch Luft für die Digitalisierung der Schulen.»

«Die Einschätzung, dass der Rechtsanspruch auf Ganztagsschule schwer umsetzbar sein wird, scheint leider realistisch zu sein und ist zugleich sehr ernüchternd»

Der baden-württembergische Städtetag sieht das ähnlich, will aber den vom Bund festgelegten, stufenweisen Rechtsanspruch ab dem Schuljahr 2026/2027 in den Grundschulen umsetzen, soweit das möglich ist. «Ob uns das vollständig gelingt, ist derzeit offen. Dazu braucht es vor allem die Umsetzung unserer Forderungen», sagte Norbert Brugger, Dezernent des Städtetags. Das Land müsse auf den Bund einwirken, sollten Korrekturen notwendig werden. Notwendig sei eventuell, die vorgegebene Betreuung in der Ferienzeit anzupassen. «Da könnte es als erstes Abstriche geben», sagte Brugger.

Zweifel haben auch die Unternehmen: «Die Einschätzung, dass der Rechtsanspruch auf Ganztagsschule schwer umsetzbar sein wird, scheint leider realistisch zu sein und ist zugleich sehr ernüchternd», sagte Stefan Küpper, Geschäftsführer Politik, Bildung und Arbeitsmarkt bei den Unternehmern Baden-Württemberg (UBW). Er warnte: «Fehlende Ganztagsangebote werden den Fachkräftemangel weiter verschärfen und vor allem das Werben um die besten Köpfe deutlich erschweren.» Der Bundesvorsitzende des VBE, Gerhard Brand, forderte die Politik zur ehrlichen Haltung auf: «Es nützt nichts, in dieser Frage weiter auf Zeit zu spielen, die Schulen brauchen einen realistischen Fahrplan», sagte er.

Bund und Länder hatten 2021 einen Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung in der Grundschule beschlossen, der schrittweise eingeführt wird. Ab dem Schuljahr 2026/2027 greift die Regelung bei Kindern der 1. Klasse, ab 2029/2030 bei allen Klassen. Eine Studie der Bertelsmann Stiftung hatte im vergangenen Sommer ergeben, dass für die Umsetzung bis Ende des Jahrzehnts mehr als 100 000 pädagogische Fachkräfte fehlen könnten. Auch Baden-Württembergs Kultusministerin Theresa Schopper (Grüne) hatte den Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung zuletzt als große Herausforderung bezeichnet. News4teachers / mit Material der dpa

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15 Kommentare
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Michael
11 Tage zuvor

Digitalisierung? Abschalten müssen die Kinder lernen. Aufgabe: Suche den Ausschaltknopf und probiere diesen aus.

Dil Uhlenspiegel
11 Tage zuvor

„Würde der Rechtsanspruch zurückgenommen, könnten sicher einige hundert Millionen Euro an Bundesmitteln umgeschichtet werden.“ – Einige hundert Mio.!? Wow, das macht das Sehen luzid:
Prophezeiung nach St. Uttgart. Und der Tag wird kommen und sie werden sich aus ihren Kitas erheben und Heerscharen kinderbetreuender Eltern werden über die Schulen hereinfallen und wehklagen: Da, nehmt dies und dies schon heute und verwahrt mir beide, bis ich wiederkomme in Herrlichkeit. Und ein großes Wehklagen und Zweifeln erhob sich über das Land (außer in Bayern natürlich).

Last edited 11 Tage zuvor by Dil Uhlenspiegel
Konfutse
11 Tage zuvor
Antwortet  Dil Uhlenspiegel

Muahahahah! Dil, made my day!!!!!

Ron
11 Tage zuvor

Zunächst einmal Respekt dafür, dass zumindest überhaupt mal das Thema Ganztag diskutiert wird. Für mich ist aber nicht der Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung das Problem, sondern der Trend zur gebundenen Ganztagsschule, der extrem viele Recourcen frisst und völlig ineffektiv ist. Ich würde vorschlagen, dass wir zur „normalen“ Halbtagsschule zurückkehren, in der Schulbildung oberste Priorität hat. Schule oder alternativ externe Anbieter wären dann verpflichtet, ergänzende Nachmittagsangebote bereitzustellen. Mittagessen, Freizeitangebote und Hausaufgabenhilfe wären dort für Schüler von berufstätigen Eltern und für Schüler mit Schwierigkeiten oder Interesse abrufbar. Das wäre deutlich billiger und zielgenauer als die Ganztagsverpflichtung für alle.

Riesenzwerg
9 Tage zuvor
Antwortet  Ron

Bin sofort dabei!

Das Outsourcen hätte auch den Vorteil der Privatisierung.

Ich höre schon die Schreie – CHANCENGLEICHHEIT TOB BRÜLL UNFAIR ZWEIKLASSENGESELLSCHAFT ….

Wir haben keine Chancengleichheit – es sei denn, keine Chancen für alle ist ok.

Und – ich halte nichts davon, alle Kinder abgeben zu müssen. DAS ist für mich Zwang und eine staatliche Einmischung in Privatsphäre und das Recht auf meinen (Familien-) Lebensstil.

Georg
8 Tage zuvor
Antwortet  Riesenzwerg

Chancengleichheit seitens des Staates und der Schule gibt es sehr wohl, die Familien und nicht zuletzt die Kinder selbst müssen die Chancen und Angebote sinnvoll nutzen. Ansonsten bin ich voll bei Ihnen.

Wenn man sich die Stundenplan an meiner Schule ansieht, erkennt man bis Klasse 8 einen faktischen Halbtags, der mit Lernzeiten und ähnlichen, weitgehend sinnbefreiten Stunden zum Ganztag aufgeblasen wird.

Hanna
10 Tage zuvor

Mein Eindruck ist eher, dass man nicht will und nicht dass man nicht kann.

Ich Bayern ist z.b. die Förderung für Mittagsbetreuungen zuletzt seit 10! Jahren angepasst worden. Wenn das einem nicht zeigt „hat keine Priorität“ was dann?

Auf Nachfrage hin hieß es Bayern würde ja so viel anderes finanzieren z.b. auch den offenen Ganztag. Ja das ist schön nur wird der offene Ganztag halt nur an wenigen Grundschulen angeboten weil der von der Schulleitung organisiert werden muss.

So bleibt den Eltern nur die xte Mittagsbetreuung selbst zu organisieren – mit steigenden Elternbeiträgen.

Schnauzevoll
10 Tage zuvor

Der Rechtsanspruch wird sich aus Personalmangelgründen eh niemals erfüllen lassen. Schon jetzt klemmt es an den Kitas ja an allen Ecken und Enden und als pädagogische Fachkraft kann man sich die Stellen raussuchen.
Bezweifle dass sich da genügend Leute für die „attraktiven“ Arbeitszeiten in der Schulkindbetreuung entscheiden. Morgens 1-2 Stunden und dann wieder von Mittags bis in den frühen Abend – wer tut sich das freiwillig an?

Edeltraud Möller-Kahlert
10 Tage zuvor

Ich fürchte, diese „Ganztagsbetreuung“ wird missverstanden und falsch angefasst.
Denn wenn dieser „Ganztag“ als Pflicht angesehen wird, obwohl nicht unterrichtet wird, mutet das für mich etwas merkwürdig an.

Kinder brauchen eine angemessene Mittagspause (mit Ruhe), brauchen vernünftige Nahrung und Bewegung und danach könnten sie nach Bedarf am Nachmittag die Hausaufgaben erledigen – betreut. Das kann aber nur da zur Pflicht gemacht werden, wenn Kinder Nachhohlbedarf haben.

Weil ich das noch kürzlich anders erlebt habe, finde ich diese Handhabung merkwürdig.

Riesenzwerg
9 Tage zuvor

Es darf doch keine Pflicht werden, seine Kinder fremdbetreuen lassen zu müssen!

Wie wäre es mit Betreuungsangeboten der Arbeitgeber, die ja auf die Arbeit der Eltern nicht verzichten können?

Betriebe ab einer bestimmten Größe übernehmen das kostenlos, kleine Betriebe organisieren sich.

Gab es mal – hat geklappt.

Ach, deswegen wird das nicht gemacht! Soso.

Last edited 9 Tage zuvor by Riesenzwerg
Jenke
10 Tage zuvor

Gut so! Ich hätte gern ein qualitativ hochwertigen Halbtsgesanspruch und das alle Familien ein Recht haben auf gemeinsame Zeit (nein damit ist nicht noch schnell müde Abendessen, waschen, Zähneputzen, schlafengehen und noch Haushalt gemeint) wenn man Eltern gescheit in Teilzeit und auch nach der Elternzeit integrieren würde und das kein Karrierehinderniss wäre oder ein finanzielles Hinderniss, dann würde das auch funktionieren! Aber lieber leistet man sich eine Kultur von ganz oder gar nicht, eine Gesellschaft im burn out angefangen von den Kleinsten, einen Wohlstand wo man immer mehr arbeitet, um sich am Ende mit ach und krach ne Wohnung leisten zu können,damit einige wenige von Jahr zu Jahr reicher werden. So gewinnt man keine produktiven und kreativen Kräfte. Wenn alles gerecht verteilt wäre und alle voller Elan dabei wären, wenn es nicht so viele bull shit Tätigkeiten gebe und effizient aufgebaut wäre , dazu noch ein paar technische Innovationen, dann würde das auch funktionieren.

TaMu
9 Tage zuvor
Antwortet  Jenke

Volle Zustimmung!

Riesenzwerg
9 Tage zuvor
Antwortet  Jenke

Volltreffer!

Ich muss da mal was loswerden
9 Tage zuvor

Tja, nur weil einer einen Rechtsanspruch implementiert, löst das noch lange nicht die Probleme in der Realität, nämlich dass überhaupt nicht genug Personal da ist. Aber das mit dem Ganztag ist eh Humbug, wie einige schon hier geschrieben haben. Ich finde, Kinder sollten einen Rechtsanspruch darauf haben, dass sich Eltern wieder mehr selbst um sie kümmern und sie nicht ständig irgendwohin abschieben.

Riesenzwerg
9 Tage zuvor

Oh ja – bitte!

Ich glaube kaum, dass sich die Kiddys für ihren Rechtsanspruch entscheiden, wenn – abwechselnd oder wie auch immer entspannt und ausreichend finanziert – sie zumindest ein Elternteil „haben“ können.

Und mal im Ernst – Kind krank und wird von nahezu unbekanntem Elternteil betreut?

Die wissen doch zunehmend weniger, wie das geht.

Fieber messen, trosten, Ko… wegwischen…

Ein App gibt’s doch nich nicht, oder? 😉