Riesige Kompetenzlücken in Deutsch und Mathe – Ministerin: Brauchen „langen Atem“

14

STUTTGART. Die schlechten Nachrichten reißen nicht ab. Auch neue Vergleichsarbeiten bestätigen, was schon länger bekannt ist: Viele Grundschulkinder haben Probleme bei den Basiskompetenzen – besonders, wenn Deutsch nicht ihre Familiensprache ist. Kultusministerin Theresa Schopper (Grüne) sieht sich durch die Ergebnisse in ihrem Kurs bestärkt: „Wir haben die richtigen Schwerpunkte bereits gesetzt. Jetzt ist es von großer Bedeutung, dass wir die Bildungsreform, vor allem bei der Frühförderung, konsequent umsetzen und einen langen Atem beweisen.“

Rund ein Viertel der Drittklässler:innen in Baden-Württemberg verfehlt die Mindestanforderungen im Lesen, Zuhören und Rechnen, die für den Abschluss der Grundschule nach Klasse 4 vorgesehen sind. Symbolfoto: Shutterstock

Viele Schüler:innen in Baden-Württemberg haben noch Nachholbedarf beim Rechnen, Lesen und Zuhören. Wie aus den Ergebnissen der bundesweiten Vergleichsarbeiten (Vera) hervorgeht, erreichten 24 Prozent der rund 80.000 Drittklässler:innen beim Lesen nicht die Mindeststandards, die für den Abschluss der Grundschule nach Klasse 4 vorgesehen sind. Beim Zuhören verfehlten 28 Prozent die Mindestanforderungen, beim Rechnen sogar 29 Prozent.

Die ernüchternden Resultate reihen sich in die Ergebnisse anderer Bildungsstudien ein. Schon 2022 hatte eine Studie des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) gezeigt, dass die Viertklässler:innen im Südwesten zunehmend Probleme beim Lesen und Zuhören haben sowie in den Basiskompetenzen in Mathe deutlich zurückgefallen sind.

Einfluss der Alltagssprache

Die Vera-Ergebnisse bestätigen zudem einen altbekannten Befund anderer Studien: Kompetenzdefizite weisen vor allem Kinder auf, die zuhause überwiegend kein Deutsch sprechen. Sie verfehlten in den aktuellen Vergleichsarbeiten besonders häufig die Mindeststandards. Überraschend ist das nicht, wie eine aktuelle Sonderauswertung der Internationalen Grundschul-Lese-Untersuchung (IGLU) zeigt. Demnach erhalten Grundschulkinder mit nicht-deutscher Familiensprache in Deutschland kaum spezielle Leseförderung, obwohl sie besondere Defizite im Bereich der Lesekompetenz aufweisen (News4teachers berichtete). Diese gilt jedoch auch für das Lernen in allen anderen Fächern als grundlegend. Baden-Württemberg hat allerdings mit diesem Schuljahr eine für alle verbindliche Leseförderung an den Grundschulen eingeführt. Zweimal in der Woche sollen Schülerinnen und Schüler nun laut im Unterricht vorlesen.

Anlass zur Sorge bieten daneben auch die Ergebnisse der Vergleichsarbeiten der Achtklässler:innen. Im Landesdurchschnitt landete beim Lesen jeder fünfte Achtklässler unterhalb der Mindeststandards, die für den mittleren Schulabschluss notwendig sind. Große Unterschiede gibt es zwischen den einzelnen Schularten. Während am Gymnasium nur zwei Prozent den Mindeststandard verfehlen, sind es an der Gemeinschaftsschule 42 Prozent, an den Haupt- und Werkrealschulen sogar 59 Prozent. Allerdings streben dort auch nicht alle Schüler:innen den mittleren Abschluss an. In Mathematik landete landesweit sogar jeder dritte Achtklässler unter den Mindeststandards.Passende Arbeitsmaterialien

Kultusministerin Theresa Schopper (Grüne) sieht sich durch die Ergebnisse der Vergleichstest in ihrem Kurs bestärkt. Diese bestätigten nochmals die Erkenntnisse des Landes. „Wir haben die richtigen Schwerpunkte bereits gesetzt. Jetzt ist es von großer Bedeutung, dass wir die Bildungsreform, vor allem bei der Frühförderung, konsequent umsetzen und einen langen Atem beweisen“, so Schopper.

Die Ergebnisse der Vergleichsarbeiten fließen laut Kultusministerium auch in das sogenannte Schuldatenblatt ein. Darüber kann die Schulaufsicht für jede Schule Daten wie Anteil der Schüler mit Migrationshintergrund, Unterrichtsausfall oder Kompetenzen der Schüler im Vergleich zum Landesschnitt einsehen. Mit individuellen Ziel- und Leistungsvereinbarungen soll dann gemeinsam festgelegt welchen, welche Verbesserungen wie genau erreicht werden sollen.

Zudem können sich Lehrkräfte seit diesem Jahr erstmals grafisch anzeigen lassen, wo welches Kind steht – und dann direkt passende Arbeitsmaterialien zur passgenauen Förderung der Kinder abrufen.

Verpflichtende Sprachförderung

Ende April hatte sich Grün-Schwarz zudem auf Programm zur Sprachförderung an Kitas und Grundschulen geeinigt. Damit sollen Kinder mit Sprachproblemen frühzeitig gefördert werden. So sollen Kinder unter anderem bereits im Jahr vor der Einschulung eine verpflichtende Sprachförderung von vier Stunden pro Woche erhalten, sofern bei ihrer Einschulungsuntersuchung ein Förderbedarf festgestellt wurde.

Sprechen die Kinder danach noch immer nicht ausreichend Deutsch, um eine Grundschule besuchen zu können, sollen sie ab dem Schuljahr 2026/2027 in sogenannten Juniorklassen gefördert werden.

Für das Programm rechnet die Koalition im kommenden Doppelhaushalt mit Kosten in Höhe von 100 Millionen Euro pro Jahr. Es soll in den kommenden Jahren Schritt für Schritt umgesetzt werden. Erste Maßnahmen sollen dem Konzept zufolge im kommenden Schuljahr greifen. Der Endausbau ist demnach für das Jahr 2028/2029 vorgesehen. News4teachers / mit Material der dpa

Sprach- und Lesekompetenzen: Was hilft gegen die Defizite? „Digitale Medien ermöglichen eine gezielte Förderung“

Anzeige


14 Kommentare
Älteste
Neuste Oft bewertet
Inline Feedbacks
View all comments
Unfassbar
8 Tage zuvor

Ich wüsste auch, was es braucht:

Fachinhalte statt Kompetenzen
Niveau statt Kuschelpädagogik
Schulformwahl, die den Fähigkeiten und der Arbeitseinstellung entspricht
Abkehr von der Gleichmacherei, weil die Menschen, insbesondere Schüler, nicht so gleich sind, wie Bildungspolitiker glauben/hoffen/denken

Katze
8 Tage zuvor
Antwortet  Unfassbar

Volle Zustimmung. Das alles ist unfassbar.
Wischiwaschi, Kompetenzgedöns und Blablablablup
versalzen uns die Bildungssupp.
Darüber nachzusinnen, was Bildungspolitiker glauben und denken, das können wir uns wirklich schenken.
Im intellektuellen Nirvana – so soll es sein,
kuscheln wir uns gemeinschaftlich wohlig ein.
Was Mühe macht und anstrengend ist,
diffamiert man heut als autoritären Mist.
Selbstbestimmt, relaxt und heiter
geht der Bildungssinkflug immer weiter.

Heuwägelchen
8 Tage zuvor
Antwortet  Unfassbar

Hinzuzufügen

deutlich mehr Lehrkräfte, denn 30 individuelle Individien lassen sich nur ganz schlecht von e i n e m Individuum betreuen und fördern.

Unfassbar
8 Tage zuvor
Antwortet  Heuwägelchen

Bei homogeneren Klassenzusammensetzungen könnte man auch mit größeren Klassen arbeiten. Aber zugegebenermaßen ist 20-25 vile angenehmer als 30+

ed840
8 Tage zuvor
Antwortet  Heuwägelchen

Kann ich in meiner laienhaften Sichtweise gut nachvollziehen. Es gibt aber in Baden Württemberg m.W. Spitzenpolitiker, die das ganz anders zu sehen scheinen. Wenn ich mich recht erinnere, findet man dort die Forderung nach kleineren Klassen „öde“. Außerdem soll es eh nicht auf die Anzahl der der Lehrkräfte ankommen, sondern auf die Qualität.

Der Zauberlehrling
8 Tage zuvor

Damit die Ursachenforschung leichter fällt, hier ein dezenter Hinweis:

Kompetenzorientierung.

Alles so geliefet, wie bestellt.

Sowas kommt dabei heraus, wenn man die fachlichen Inhalte immer weiter in den Hintergrund rückt und neben dem Fördern das Fordern komplett streicht.

Mich wundern die Ergebnisse nicht.

Zuerding
8 Tage zuvor

Warum rücken die Lehrkräfte die fachlichen Inhalte nicht in den Vordergrund? Das ist doch letzten Endes auch das, was abgeprüft wird? Sind da nicht die Lehrkräfte in der Verantwortung?

RainerZufall
8 Tage zuvor

Richtig so!
Eben darum wurden die Verträge unserer Kolleg*innen – längst im Ruhestand – die für 5-6 WS zur Lese- und Matheförderung, aber nicht für Unterricht aushelfen wollen, nicht verlängert.

So viel zum Thema, Kolleg*innen aus dem Ruhestand zurück zu holen. Wenn die sich aufgrund ihrer Lebensleistung nicht für 100% Unterricht melden, ist ihre wertvolle Erfahrung dem LÄND plötzlich zu teuer…

Ceterumcenseo
8 Tage zuvor

Gibt es eigentlich auch Ergebnisse der Realschulen? Das grüne Lieblingskind Gemeinschaftsschule scheint ja grandios zu scheitern.
Ceterum censeo KMs nur noch mit Fachkräften besetzen und hoffentlich werden wir bald von der unsäglichen Ministerin erlöst.

konfutse
8 Tage zuvor
Antwortet  Ceterumcenseo

Die Realschule hält sich noch ganz wacker. Aber die oberste Schulbehörde ist ja gerade dabei, den RS den Garaus zu machen. Ich sag nur Gymmiempfehlung und der Rest ohne. Braucht nicht mehr lange und die RS ist noch mehr denn je am Boden. Das schaffen die schon noch!

Der Zauberlehrling
8 Tage zuvor
Antwortet  konfutse

Meiner Erfahrung nach (Stichprobe: Genau eine zuführende Realschule) sitzen die wenigsten Rechenregeln. In Mathematik sind die Schüler bestimmt sehr kompetent, wissen aber um kein Rechengesetz und dessen zielgerichteter Anwendung. „Was rechnen Sie da …“ Dauernd. Und wenn ich nur eine Gleichung mit -1 multipliziere und es nicht an den Rand schreibe. Es reicht schon für die totale Verwirrung wenn ich die Variable nach rechts bringe, Und das geht seit 10 Jahren völlig den Bach hinunter.

Tigrib
8 Tage zuvor

Ich steh immer wieder fassungslos da, wenn ich sehe, wie wenig mittlerweile bei den Kids hängen bleibt. Die Fähigkeit etwas dauerhaft zu speichern, hat meiner Meinung nach eklatant abgenommen.

Auch Wortschatz und Grammatik ist selbst bei Muttersprachlern teilweise unterirdisch. Kommunikation oft nur nach dem Motto „isch geh Klo, Digga“ und sonst hauptsächlich in einfachster Form, die elektronische Medien lassen grüßen. Auch Eltern sprechen nicht mehr so viel mit den Kids, beobachte ich.

Viele Kids sind darüber hinaus nicht mehr leistungswillig oder nur wenig belastbar.

Ich glaube mittlerweile nicht mehr daran, dass Schule alleine da wirklich viel wuppen kann..

Philine
8 Tage zuvor

Bei dem von Politiker*innen rhetorisch eingesetzten „wir“ muss ich immer schmunzeln.

Lisa
8 Tage zuvor

Mir fehlt eine Analyse des DaZ Unterricht, eine Durchstrukturierung und ganz klare Lernziele. Ohne Auswendiglernen geht Deutsch imho auch nicht. Ich habe immer das Gefühl, dass ganz schön vor sich hingewurstelt und improvisiert wird, ohne das verbindlich festgestellt wird, was die Schüler können müssen. Die meisten sind zwar mit Feuereifer dabei, ihre Arbeitsblätter auszufüllen, aber das heißt noch lange nicht, dass die Zweitsprache auch funktioniert.