Start Politik Noch vor Özdemirs Amtsantritt: Verbände kritisieren Umgang mit Lehrkräften scharf

Noch vor Özdemirs Amtsantritt: Verbände kritisieren Umgang mit Lehrkräften scharf

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STUTTGART. Die neue grün-schwarze Koalition in Baden-Württemberg unter dem designierten Ministerpräsidenten Cem Özdemir verspricht mehr Bildungsqualität, bessere Basiskompetenzen und Entlastung für Schulen. Doch bei zentralen Punkten sehen die Lehrkräfteverbände große Lücken. GEW, VBE und Philologenverband werfen der künftigen Landesregierung vor, entscheidende Fragen zur Unterrichtsversorgung, zur Arbeitsbelastung und zur Bezahlung von Lehrkräften offenzulassen. Besonders scharf fällt die Kritik an möglichen Eingriffen in Teilzeitregelungen, an fehlenden Zusagen für zusätzliche Stellen und an der weiter ungelösten Besoldung von Grundschul- sowie Haupt- und Werkrealschullehrkräften aus.

„Wertschätzung ist das nicht“: Bald-Ministerpräsident Cem Özdemir (Grüne). Foto: Shutterstock / Jürgen Nowak

Der neue Koalitionsvertrag von Grünen und CDU in Baden-Württemberg stößt bei den Lehrkräfteverbänden auf ein gemischtes Echo. Zwar begrüßen GEW, VBE und Philologenverband einzelne bildungspolitische Vorhaben ausdrücklich – darunter das Bekenntnis zur Demokratiebildung, den Ausbau multiprofessioneller Teams an Schulen sowie zusätzliche Ressourcen für die geplante Rückkehr zu G9. Gleichzeitig sehen alle drei Organisationen erhebliche Defizite – insbesondere bei der Personalausstattung, den Arbeitsbedingungen und der Finanzierung angekündigter Reformen.

Vor allem die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) geht die Vereinbarungen der neuen Landesregierung frontal an. „Die 13 Seiten zur Bildungspolitik würden in einem Aufsatz in der Schule die Bemerkungen ‚zu unkonkret, viel Lyrik, Fakten fehlen‘ erhalten“, erklärte die GEW-Landesvorsitzende Monika Stein in Freiburg. Die Gewerkschaft fordert von der neuen Landesregierung deutlich weitergehende Entscheidungen und konkrete Finanzzusagen.

Besonders scharf kritisiert die GEW den Umgang mit Junglehrkräften. Im Koalitionsvertrag findet sich lediglich ein Prüfauftrag zur Finanzierung der Sommerferienvergütung für Referendarinnen und Referendare. Für die GEW ist das unzureichend. „Warum gibt es zum Beispiel einen Prüfauftrag für die 15 Millionen Euro, die nötig sind, um die etwa 4.000 Referendar*innen nicht erneut in die Sommerferienarbeitslosigkeit zu schicken? Will Cem Özdemir weiter bundesweiter Spitzenreiter bei der Lehrkräftearbeitslosigkeit bleiben?“, fragte Stein.

Auch der Philologenverband Baden-Württemberg kritisiert diese Passage ausdrücklich. Die nur vage formulierte „Prüf“-Ankündigung bleibe weit hinter dem Notwendigen zurück. Wörtlich heißt es in der Stellungnahme des Verbands: „Wertschätzung der Vorbereitung in den Start eines neuen Schuljahres durch die Junglehrkräfte ist das nicht!“

„Damit stehen bundesweit nur noch zwei Länder abseits, wenn es um eine gerechte Besoldung aller Lehrkräfte geht“

Ein weiterer zentraler Konfliktpunkt ist die Besoldung. Die GEW verweist darauf, dass Baden-Württemberg weiterhin zu den wenigen Ländern gehört, die Grundschullehrkräfte schlechter bezahlen als Lehrkräfte anderer Schularten. Zudem werde ein Teil der Haupt- und Werkrealschullehrkräfte noch immer nach A12 statt A13 bezahlt. Nach Angaben der Gewerkschaft wären dafür lediglich zusätzliche 15 Millionen Euro nötig. „Manuel Hagel hat sich immer wieder für die Hauptschulen stark gemacht. Wir setzen darauf, dass dieses Versprechen gilt“, erklärte Stein mit Blick auf die CDU und ihren Landesvorsitzenden.

Auch der Verband Bildung und Erziehung (VBE) macht die Besoldungsfrage zu einem Schwerpunkt seiner Kritik. Der Landesvorsitzende Gerhard Brand verweist darauf, dass inzwischen „nahezu alle Bundesländer Schritte hin zu A13 für alle Lehrkräfte eingeleitet haben“. Mit Rheinland-Pfalz habe nun ein weiteres Bundesland die Einführung von A13 für Grundschullehrkräfte im Koalitionsvertrag verankert. „Damit stehen bundesweit nur noch zwei Länder abseits, wenn es um eine gerechte Besoldung aller Lehrkräfte geht“, erklärte Brand.

Während GEW und VBE vor allem fehlende Investitionen und ungelöste Besoldungsfragen kritisieren, richtet der Philologenverband seinen schärfsten Angriff gegen geplante Veränderungen der Arbeitsbedingungen. Der Verband kündigt „massiven Widerstand“ gegen mehrere Vorhaben der Koalition an. Dazu zählt insbesondere die angekündigte Überprüfung der voraussetzungslosen Teilzeit für Lehrkräfte.

Der Philologenverband spricht von einem „massiven Eingriff in die Lebensgestaltung und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie“. Dies werde „die Attraktivität des Lehrerberufs nachhaltig schädigen“. Ebenfalls entschieden lehnt der Verband geplante Kürzungen bei Freistellungen für Personalratsarbeit ab. Diese seien „ein direkter und unverhohlener Angriff auf die Arbeitsfähigkeit der Personalräte und den Betriebsfrieden“.

„Es darf nicht sein, dass immer mehr Lehrkräfte im Eingangsamt in Pension gehen“

Darüber hinaus kritisiert der Philologenverband die geplante stärkere Kopplung von Beförderungen an zusätzliche Aufgaben. A14 müsse wieder eine reguläre Beförderungsperspektive für erfahrene Gymnasiallehrkräfte werden. „Es darf nicht sein, dass immer mehr Lehrkräfte im Eingangsamt in Pension gehen“, erklärte die Landesvorsitzende Martina Scherer. Ebenfalls problematisch sei das geplante Langzeit-Überstundenkonto mit bis zu 1.000 Stunden. Der Verband warnt davor, dass dadurch dauerhafte Mehrarbeit „systemisch zementiert“ werde.

In einem Punkt sind sich allerdings alle drei Verbände weitgehend einig: Der Koalitionsvertrag enthalte zahlreiche richtige Zielbeschreibungen, lasse aber offen, wie diese praktisch umgesetzt werden sollen.

Der VBE spricht von „vielen richtigen Überschriften“, fordert jedoch eine „konsequente und verlässliche Umsetzung“. Besonders positiv bewertet der Verband den Verzicht auf neue Schulstrukturdebatten, den geplanten Ausbau multiprofessioneller Teams sowie zusätzliche Maßnahmen zur Stärkung von Schulleitungen. Skeptisch sieht der Verband dagegen den weiteren Ausbau datengestützter Steuerung im Schulwesen. „Eine zunehmende Vermessung von Bildung und Schule darf jedoch nicht zu mehr Bürokratie und zusätzlichem Druck im Schulalltag führen“, erklärte Brand.

Ähnliche Vorbehalte formuliert der Philologenverband beim Thema „datengestützte Schulentwicklung“. Der Ausbau von Schüler-IDs und Lernverlaufsdiagnostik werfe erhebliche Datenschutzfragen auf. Unklar sei zudem, welche Ressourcen Schulen überhaupt erhalten sollen, um auf die gewonnenen Daten reagieren zu können.

Die GEW wiederum verbindet ihre Kritik mit deutlich weitergehenden bildungspolitischen Forderungen. Die Gewerkschaft verlangt einen „Stufenplan für bessere Unterrichtsversorgung“ sowie zusätzliche Stellen für Vertretungsreserven. Nach Angaben der GEW fallen derzeit dauerhaft rund 7.000 Lehrkräfte wegen Krankheit oder Elternzeit aus, während die ständige Lehrkräftereserve lediglich knapp 2.000 Stellen umfasse. Bereits 200 zusätzliche Stellen könnten nach Ansicht der Gewerkschaft einen „wirksamen Schritt“ gegen Unterrichtsausfall darstellen.

Darüber hinaus fordert die GEW erhebliche zusätzliche Investitionen in das Bildungssystem. Für Kitas und Schulen seien jährlich zwischen einer und 1,5 Milliarden Euro notwendig. Das könne nur über eine weitere Lockerung der Schuldenbremse finanziert werden. Nach Berechnungen der Gewerkschaft würden allein die im Wahlkampf angekündigten Mindestvorhaben von Grünen und CDU rund 1.500 zusätzliche Stellen an den Schulen erfordern. News4teachers 

Hier lässt sich der Koalitionsvertrag herunterladen. 

Schulbesuch: Lehrerin treibt CDU-Spitzenkandidat Hagel mit kritischen Fragen zur Weißglut

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23 Kommentare
Stufenpauker
1 Monat zuvor

Och, Özdemir war doch bisher hier der Liebling, und jetzt wird geschimpft. Dabei heißt es doch im Koalitionsvertrag:

„Das Land braucht Käpsele. Deshalb nehmen wir die Leistungsstarken in den Blick und stärken die Begabten- und Hochbegabtenförderung mit einem landesweit kohärenten Konzept der Begabtenförderung.“ 

Rainer Zufall
1 Monat zuvor
Antwortet  Stufenpauker

„Och, Özdemir war doch bisher hier der Liebling“
Bei „Liebling“ fällt mir ehrlichgesagt niemand im Forum ein, aber den Kompromiss, den er in Vertretung für den Digitalpakt herausarbeitete, fand ich in Anbetracht der Rahmenbedingungen kompetent, im Vergleich zu seiner Vorgänerin herausragend

dickebank
1 Monat zuvor
Antwortet  Rainer Zufall

„… im Vergleich zu seiner Vrgängerin“ (im Amt) …;
Sie merken es vermutlich selber:)

Rainer Zufall
1 Monat zuvor
Antwortet  dickebank

Moment mal! Netter Versuch, Frau Stark-Watzinger! 😀

digitalebildung
1 Monat zuvor

Darüber hinaus kritisiert der Philologenverband die geplante stärkere Kopplung von Beförderungen an zusätzliche Aufgaben. A14 müsse wieder eine reguläre Beförderungsperspektive für erfahrene Gymnasiallehrkräfte werden.“
Hallo, Philologen, wie war das nochmal mit eurem heiligen Leistungsprinzip am Gymnasium? Warum genau soll das bei Kindern aber nicht bei den Lehrkräften gelten?

dickebank
1 Monat zuvor
Antwortet  digitalebildung

Bedingungsloses Grundeinkommen für OStR.

Rainer Zufall
1 Monat zuvor
Antwortet  dickebank

Es bezieht sich wohl mehr auf Normalos wie uns 😉

HarneEinrichson
1 Monat zuvor
Antwortet  digitalebildung

An allen anderen Schulen können Lehrkräfte doch auch nicht in A14 aufsteigen. Wieso braucht das Gymnasium wieder eine Extrawurst?

dickebank
1 Monat zuvor
Antwortet  HarneEinrichson

Abteilungsleiter in der SekI einer Gesamtschule. Auf diese Funktionsstellen können sogar minderbemittelte SekI-Lehrkräfte aufsteigen. An GE in NRW können diese sogar LGeD werden, wenn der Abwesenheitsvertreter eine Lehrbefähigung für SekI+II hat.
Aber Regelbeförderungen gibt es in NRW nicht.

Digitalewurst
1 Monat zuvor
Antwortet  dickebank

Besser mal nichts sagen, wenn keine Ahnung hat: In BW (im Artikel geht es nun mal um BW) kann keine Sek1 Lehrkraft eine Funktionsstelle an einer Gemeinschaftsschule (Gesamtschulen in dem Sinne gibt’s in BW nicht) übernehmen. Diese sind einzig und allein den Gymnasial Kollegen vorbehalten. Dadurch kommt es zu so lächerlichen Situation wie an meiner Schule: A14-Stelle für Digitales/digitale Entwicklung/etc, besetzt mit einem Gym-Kollegen, ich als Sek1-Lehrkraft mit studierten Fach Informatik habe keine Chance, arbeite natürlich im Team mit, 1 Entlastungsstunde. Danke für nichts

Realist
1 Monat zuvor
Antwortet  Digitalewurst

habe keine Chance, arbeite natürlich im Team mit, 1 Entlastungsstunde. Danke für nichts“

Wenn Sie sich ausbeuten lassen, machen Sie bitte nicht andere dafür verantwortlich.

1 Entlastunsstunde = max. 90 Minuten Arbeit pro Schulwoche reinstecken und keinen Handschlag mehr. Notfalls Buch führen.

Realist
1 Monat zuvor
Antwortet  HarneEinrichson

Wieso braucht das Gymnasium wieder eine Extrawurst?“

Leistung muss belohnt werden.

Jedes Jahr sehen, wir dass andere Schularten, deren Schüler wir dann in die Oberstufe aufnehmen (müssen), es mit dem Fachunterricht und den Noten nicht so genau nehmen…

HarneEinrichson
1 Monat zuvor
Antwortet  digitalebildung

Frei nach dem Motto: Alle verdienen das selbe Gehalt, aber wir verdienen mehr.

Schotti
1 Monat zuvor
Antwortet  digitalebildung

Man sollte für die Philologen direkt A17 einführen, weil das einfach die besseren Menschen sind. Philologe wird man schließlich durch die höhere Geburt. Meine Mutter war Philologin, so bin ich es auch.

Achin
1 Monat zuvor

Hoffentlich haben es bald mehr Menschen verstanden: Bildungspolitik hat nicht den Stellenwert, den wir uns als Lehrkräfte wünschen, ganz gleich von welcher Ecke des Parteienspektrums gerade gesprochen wird.

Bildungspolitik wird im Vorfeld von Landtagswahlen als populäres Thema instrumentalisiert, für bürgerliche Wählergruppen soll alles so bleiben wie es ist (mit Privatschulen und Gymnasien), für eher „linke“ Wählergruppen gilt es, völlig weltferne wohlklingende Utopien aufzubauen (Schule sorgt für gesamtgesellschaftliche Gerechtigkeit und „Wellbeing“).

Reflektierte Praktiker werden in der Praxis zerrieben, Funktionäre des Philologenverbandes oder der GEW, sog. „Bildungsinfluencer“ oder Ex-Kollegen in der Kultusverwaltung (alle m/w/d) interessiert das nur am Rande.

Rainer Zufall
1 Monat zuvor
Antwortet  Achin

„für eher “linke” Wählergruppen gilt es, völlig weltferne wohlklingende Utopien aufzubauen“
Jaja, wenn ich an „linke“ denke, kommen mir Grüne und CDU in Baden-Württemberg (!!) in den Sinn 😀

Rainer Zufall
1 Monat zuvor

Die GEW sagt etwas dazu? Dann sind wieder alle dagegen und treten mal wieder aus 😛

Grund-, Haupt-, und Realschulen beschweren sich? Wo ist denn dann das Problem, wenn sich Gymnasien nicht beschweren, ist doch alles Takko (augenroll)

Aber keine Sorge, wie es sich die Mehrheit wünscht, wird sich nichts verbessern – DANN wäre der Aufschrei wirklich laut!

mama51
1 Monat zuvor

Mimimi…☹️
Das hessische A13 entspricht im wesentlichen dem A 12 von BaWü…
Heult leiser!

Schotti
1 Monat zuvor
Antwortet  mama51

Und einer A11 beim Bund.

dickebank
1 Monat zuvor
Antwortet  Schotti

Hauptleute bei der Bw und Hauptkommissare beim BKA sowie alle Regierungsamtmänner und Frauen.

LehrerBW
1 Monat zuvor
Antwortet  mama51

Das stimmt doch überhaupt nicht…wie kommst du auf so eine absurde Behauptung?

https://oeffentlicher-dienst.info/beamte/vergleich/251031/3/

LehrerBW
1 Monat zuvor

Was ich vermisse ist, wie die Regierung gedenkt den neuen Beschluss des Bunderverfassungsgerichts zur amtsangemessenen Alimentation umzusetzen.
BW hat zwar das bundesweit zweithöchste MÄE, nachdem sich die neue Besoldung richtet, aber nicht die daraus sich ergebende zweithöchste Besoldung.

Ragnar Danneskjoeld
1 Monat zuvor

Unabhängig davon, wie man zur sog. Regelbeförderung an Gymnasien steht – mal sehen, ob man die Zahl schulscharfer und Regelbeförderungen aufaddieren wird oder sich durch die Kürzung letzterer ca.50% sparen will. Dann selig die, die gerade jetzt noch A14 werden oder es schon längst abgeschrieben haben.

Was ich im Koalitionsvertrag nicht gefunden habe, war der das Ende der bedingungslosen Teilzeit. Weiß da jemand, auf welcher Seite ich das finden kann? Danke.