GEW lehnt Maskenpflicht im Unterricht ab – und fordert stattdessen Abstand

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DÜSSELDORF. Wenige Tage vor Schuljahresbeginn in Nordrhein-Westfalen sind die Schulen des Landes laut GEW und VBE schlecht auf das kommende Schuljahr vorbereitet. Das Konzept der Landesregierung zum „angepassten Schulbetrieb“ wird von den Gewerkschaften kritisch gesehen. Die „medienwirksam verkündete“ Maskenpflicht lenke davon ab, dass die Politik die Schulen unzureichend vorbereitet habe, erklärte die GEW-Landesvorsitzende Maike Finnern. Sie fordert stattdessen: die Einhaltung der Abstandsregel, wie sie außerhalb der Schulen weiter gilt, in den Schulen bundesweit jedoch zum Schuljahresbeginn ausgesetzt wurde.

Um die Abstandsregel bei vollbesetzten Klassen einzuhalten, fehlt in den Schulen der Platz. Foto: Shutterstock

„Wenn Schulministerin Yvonne Gebauer von der Möglichkeit eines weitgehenden Regelbetriebs spricht, so ist das schlicht ministerielles Wunschdenken. Uns erreichen zahlreiche Rückmeldungen von Schulleitungen, Kolleg*innen und Personalräten, die Unverständnis und Kritik äußern: zu spät, zu vage, zu unrealistisch sind die Maßnahmen. Leider müssen wir feststellen, dass Lehrer*innen, Schüler*innen und Eltern nach sechs Wochen Sommerferien vor einem nicht gut vorbereiteten Schulstart stehen“, sagt Finnern.

„Der Unterricht muss entzerrt werden“

Gebauer (FDP) hatte Anfang der Woche eine Maskenpflicht im Unterricht der weiterführenden Schulen angeordnet. Hintergrund: Die Nationalakademie Leopoldina unterstützt aus wissenschaftlicher Sicht diese Vorgabe (News4teachers berichtet ausführlich über die Stellungnahme der Forscher – hier geht es zu dem Beitrag). Die GEW hingegen lehnt eine durchgängige Maskenpflicht im Unterricht aus pädagogischen und praktischen Gründen ab. Stattdessen hätte auf ausreichend Abstand gesetzt werden müssen. „Das AHA-Prinzip muss auch in den Schulen gelten und solange der Abstand nicht eingehalten werden kann, muss der Unterricht entzerrt werden“, sagt die GEW-Landesvorsitzende mit Blick auf die außerhalb der Schule geltenden Regeln für Abstand und Hygiene.

Zusätzlich regt die Gewerkschafterin die Anschaffung von CO2-Ampeln an, die die Qualität der Raumluft anzeigen. Sie würden bei der Umsetzung der regelmäßig erforderlichen gründlichen Lüftung der Räume helfen.

„Corona legt Versäumnisse der Bildungspolitik schonungslos offen“

„Corona ist wie eine Lupe“, sagt Stefan Behlau, Landesvorsitzender des VBE. Er betont: „Personalmangel, Raumnot und fehlende Ausstattung sind so deutlich wie nie zuvor. Alles Probleme, die nicht überraschen, sondern auf die wir bereits lange hinweisen. Corona legt langjährige Versäumnisse der Bildungspolitik schonungslos offen und verstärkt sie. Der Frust vieler Kolleginnen und Kollegen ist gewaltig. Es sind in allen bekannten Baustellen mindestens ähnliche Kraftanstrengungen nötig wie bei der Bereitstellung der Gelder für die digitalen Endgeräte. Unsere Botschaft an die Landespolitik: Benennt die Fehler, lernt aus ihnen und packt die großen Baustellen endlich an – hört auf die Stimmen aus der Praxis! Gelder für digitale Geräte bereitzustellen, um digitales Lernen zu ermöglichen, ist nur ein erster Schritt. Wenn das Ziel der Regierung des Aufstiegs durch Bildung wirklich ernst gemeint ist, müssen weitere Maßnahmen folgen.“

Weiter meint er: „Schule hat sich verändert, aber noch immer werden die Schulgebäude dem nicht ansatzweise gerecht. Neben unzureichenden sanitären Einrichtungen bemängeln viele Schulen den fehlenden Platz. Die Maske spiegelt das Raumproblem wider. Der nötige Abstand kann vielerorts nicht eingehalten werden, selbst das Lüften kann ein Problem darstellen.“

Gewerkschaften sagen dramatischen Lehrermangel voraus

„Es ist absolut notwendig und richtig, dass Kolleg*innen aus Risikogruppen vom Präsenzunterricht ausgelassen werden“, sagt Finnern. „Die Schulen werden jedoch dann mit der Situation umgehen müssen, dass Lehrkräfte aus Risikogruppen fehlen, im Einstellungsverfahren zum Schuljahr 2020/2021 – wie uns unsere Personalräte berichten – viele Stellen nicht zu besetzen sein werden und tausende Stellen sowieso seit Jahren unbesetzt sind. In der Summe ist klar: Das Schuljahr 2020/21 wird geprägt sein von eklatantem Lehrkräftemangel – bei einigen Schulen bis zu 30 Prozent.“

Erneut konnten viele Stellen nicht mit ausgebildeten Lehrkräften besetzt werden, so berichtet auch Behlau. Dies führe bereits zu größeren Klassen und dem Ausfall zahlreicher Förderangebote. Auch die Belastung der Lehrkräfte sei dadurch deutlich gestiegen. Der VBE-Landeschef befindet: „Unsere langjährige Forderung nach einer Verkleinerung der Klassen ist nicht nur vor dem Hintergrund der steigenden pädagogischen Anforderungen richtig, sondern würde auch in der aktuellen Krise helfen. Sie scheitert aber an den halbherzigen Bemühungen der Landesregierung.“

„Lernen und Lehren unter Corona ist eine Mammutaufgabe“

Sein Fazit: „Für die Schulen sind noch viele Einzelfragen offen, doch die Kolleginnen und Kollegen stellen sich flexibel den verschiedenen Situationen. Angepasster Schulbetrieb, Lernen auf Distanz, umfangreiche zusätzliche Dokumentationspflichten und das schnelle Reagieren auf die Entwicklung der aktuellen Infektionszahlen: Lernen und Arbeiten unter Coronabedingungen ist eine Mammutaufgabe für alle. Unsere Landesregierung muss ehrlich sein und den Menschen sagen, dass vieles, was in Schule wünschenswert ist, aufgrund der aktuellen Lage nicht möglich ist. Das neue Schuljahr wird nur dann für alle Schülerinnen und Schüler erfolgreich, wenn wir die Probleme gemeinsam anpacken. Hierfür erwarten wir die nötige Rückenstärkung.“ Bereits am Mittwoch beginnt in NRW der Unterricht. News4teachers

Der Beitrag wird auch auf der Facebook-Seite von News4teachers diskutiert.

Kurz nach Schuljahresbeginn: Erste Schulen schon wieder geschlossen – Virologen: So, wie Kultusminister den Schulbetrieb planen, geht es nicht

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9 KOMMENTARE

  1. Komisch, das Ministerium veröffentlicht auf seiner Homepage in der Schulmail vom 6.8., es hätte überwiegend positive Rückmeldungen bekommen : https://www.schulministerium.nrw.de/ministerium/schulverwaltung/schulmail-archiv/archiv-2020/06082020-konzept-zur-wiederaufnahme-eines
    Da frage ich mich doch glatt, wer sich dort gemeldet hat. Waren bestimmt Eltern, die froh sind, dass ihre Kinder wieder „betreut“ werden. Zudem ärgert es mich ja, dass es überall heißt, NRW hätte eine Maskenpflicht. In der GS gilt die nicht im Klassenraum, wo ich mich über Stunden mit 30 Personen auf engem Raum aufhalte. Das mit dem Lüften wird in der kommenden Hitzeperiode auch schwierig, bei geschlossenen Jalousien kommt auch durch offene Fenster nur wenig Luft. Dafür müssen die Kinder aber auf dem Schulhof eine Maske tragen – das verstehe, wer will.
    Neben der Abstandsregelung wurde auch die Regelung zu versetzten Pausen und zum Klassenlehrerprinzip gestrichen. Als Vollzeitkraft „wandere“ ich ab Mittwoch durch 4 verschiedene Klassen, gleichzeitig sind in meiner Klasse noch 3 Fachlehrer eingesetzt – war da was mit einer Pandemie? Scheint vorbei zu sein….

    • Das war die Emails vom Christian L. und vom Wolfgang G. – die anderen sind dank voreingestlltem Filter im Spam-Orner gelandet. Und dann war da noch der Schulterklopfer vom Kabinettskollegen Joachim St.

    • @Anne: Die Regeln werden bestimmt je nach Personalschlüssel gedehnt. Ich hoffe, dass bei uns weiterhin alles wenn möglich vom Klassenlehrer unterrichtet wird. So war es vor den Ferien (GS BW).

  2. Wer so eine Gewerkschaft hat, kann einpacken. 25-30 Schüler ohne Maske und Belüftung ist ein Durchseuchungsexperiment. Meinen Kindern werde ich vehement von einem Lehramtsstudium abraten! Kitamitarbeiter, Lehrer und Schüler werden gerade von Bürokraten in Einzelbüros verheizt.

    • Das Problem ist, dass viele schlicht nicht durchdringen, welche politischen Ziele die GEW verfolgt. Wer dort als Lehrer Mitglied ist, ist selber Schuld.

  3. Nunja, bei der GEW scheinen ja viele Virologen zu sitzen. Das es sowas wie Aerosole gibt ist den Büroeseln der GEW aber schon ein Begriff, oder?

    • Aerosole entstehen durch Flatulenz, so auch durch geistige. Um Flatulenz zu verhindeen helfen weder Hände-Waschen noch Einmalwindeln. Aber mit dem Quadrat der Entfernung lässt die olfaktoriche Belästigung nach. Ist wie mit’m Virus ==> Abstandsgebot hilft – vor allem zur GEW:)

      Dann doch lieber geräuschstarke Flatulenz, die richtig kracht ==> SchALL

  4. Ja, herzlichen Glückwunsch! Für NRW wurde das Ziel erreicht: Maskenpflicht im Unterricht ausgesetzt. Endlich werden Lehrer und Erzieher diesbezüglich gleichgestellt, könnte man sagen (für die OGS hat die Maskenpflicht sowieso nicht gegolten)… Oder auch: überlege dir gut, was du dir wünschst, denn es könnte wahr werden… Jedenfalls ist offenbar nur einer der Forderungen der GEW stattgegeben worden. Jetzt haben wir den Salat.

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