Ist dies die Zukunft der Schule? – Dresdener Universitätsschule zieht Einjahresbilanz

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DRESDEN. Bringt die Digitalisierung tatsächlich die Individualisierung der Lernwege mit sich? In einem auf 15 Jahre angelegten Versuch testen die TU und die Stadt Dresden ein neues Konzept von Schule ohne Noten, Feriendogma und Pausenklingel – dafür mit mehr Flexibilität und Freiheit.

Gelernt wird an der Universitätsschule in Projekten, die die Schüler sich selbst wählen. Foto: Shutterstock

«Kennt Ihr Euch mit Märchen aus?» Matthias Böttinger legt einen Stapel Fotos auf den runden Teppich, auf dem sich Max, Mikas und Janis sowie Aida, Helena und Katalina lümmeln. Die Sieben- bis Zehnjährigen sind gerade vom Schulhof in den Raum gekommen, der hier nicht Klassenzimmer heißt. Überhaupt gibt es weder Noten, Pausenklingeln oder Ferien, Pult noch Lehrer in der Universitätsschule Dresden. «Wir sind Lernbegleiter», sagt Patricia Schwarz, Rektorin der am 19. August 2019 gegründeten «Schule der Zukunft».

Flexibilität im Unterricht für Schüler – und Lehrer

Das bundesweit einzigartige Bildungsprojekt in einem alten Plattenbau aus DDR-Zeiten funktioniert gut, sagt Leiterin Anke Langner, Professorin für Erziehungswissenschaften mit Schwerpunkt Inklusive Bildung an der TU Dresden. Workshops und Projektarbeit statt Frontalunterricht, jahrgangs- und fachübergreifend in Grund- und Oberschule – zugunsten von mehr Freiheit und Flexibilität für Schüler, Lehrer und Eltern. Hier sind Stühle und Tische mobil und nach Bedarf kombinierbar.

Diese Forscherin baut die Schule der Zukunft: Es gibt nur noch Projektunterricht – und Lehrer werden zu Lernbegleitern

Nach dem ersten Jahr und der zusätzlichen Herausforderung Corona ziehen die Akteure eine positive Bilanz, auch wenn das wissenschaftlich begleitete Projekt auf 15 Jahre angelegt ist. Eine speziell entwickelte Lern- und Schulmanagementsoftware stützt das digital basierte Lernen, sodass der Lernprozess des Einzelnen nachvollziehbar ist, die Schüler sich selbst managen und die Schulorganisation angepasst werden können. Und, laut Langner einmalig in der Bildungsforschung: Die Wissenschaftler bekommen Daten.

Bildung wird hier von den Schülern aus gedacht. Mädchen und Jungen verschiedenen Alters ergründen Themen aus verschiedenen Richtungen, die sie selbst im Dialog mit den Lehrern auswählen. «Wir sind dabei Begleiter statt Wissensvermittler», sagt Rektorin Schwarz. Jeder der älteren Schüler hat einen Laptop zum Arbeiten und zur Dokumentation.

Die öffentliche und kostenfreie Grund- und Oberschule in städtischer Trägerschaft soll in fünf Jahren bis zu 800 Schüler haben, die von der 1. bis zur 10. Klasse durchgängig jahrgangsübergreifend und fächerverbindend ganztägig zusammen lernen. Mit dem neuen Schuljahr wächst sie Ende August schon mal um die 4. und die 6. Klassenstufe um 160 auf dann rund 360 Schüler.

Die Schüler sollen lernen zu lernen – und zu kommunizieren

Dabei steht dort kein Lehrer vorn und sagt, was auswendig gelernt werden muss. «Das Lernen wird zu einem ganz normalen Prozess, so wie Kinder es in der Kita tun», sagt Langner. «Deshalb kann man hier aber nicht machen, was man will.» Die Kinder müssten sich an klare Vereinbarungen halten und Verantwortung übernehmen, nur dass sie ihre Aufgaben mit aushandeln und themenübergreifend betrachten. Sie werden befähigt, «dass sie lernen zu lernen, sich Hilfe holen und kommunizieren können».

Die Leistung wird nicht in Noten gemessen, sondern es gibt Einschätzungen, ob man etwa bis 100 sehr sicher rechnen kann, es schon gut hin bekommt oder noch Hilfe braucht. «Sie sehen, was kann ich, wo bin ich gut und wo muss ich mich noch mehr anstrengen.» An der Unischule bleibt niemand sitzen – und es gibt keine klassischen Ferien. «Die Eltern müssen Urlaub beantragen», sagt Schwarz.

Auch Jungs – die sich im normalen Unterricht tendenziell schwerer tun als Mädchen – würden so schnell «in einen Flow geraten, wenn sie ein Thema gefunden haben», berichtet Langner. Schwarz und ihre Kollegen sehen sich als Mentor auf Augenhöhe mit den Kindern. «Wir sind Support, Unterstützer, Anstubser, aber der Schüler lernt selbst.» Kinder entdeckten und erforschten ja auch sonst die Welt und überraschten zuweilen mit ihrem Wissen.

Das sei auch für das Kollegium herausfordernd. «Ich erlebe deutlich mehr Kinder als in meinen 20 Berufsjahren zuvor, die aufblühen, kognitiv und emotional», sagt Schwarz. Sie würden selbstbewusst, trauten sich, etwas zu präsentieren, seien «einfach fröhlicher», Eltern berichteten von einer «neuen Leichtigkeit» mit ihren Kindern. «Manchmal wollen sie freitags gar nicht nach Hause, weil es zu spannend ist.»

In Deutschland gibt es nach Angaben von Martin Heinrich, Leiter des wissenschaftlichen Oberstufen-Kollegs an der Universität Bielefeld (Nordrhein-Westfalen), einen Trend zu Versuchs- und Univestitätschulen. Das Dresdner Modell aber sei einzigartig und «auf jeden Fall eine Alternative, wenn die Nachfrage groß genug ist». Die Bildungspolitik aber tue sich schwer, solche Konzepte in die Breite zu bringen. «Dabei wäre eine Vielfalt der Schulprofile gut», sagt Heinrich, der die Begutachtung der Dresdner Universitätsschule leitet. «Der Start ist durchaus gelungen.»

Aida, Katalina oder Helena ist das egal. Sie sollen in Gruppen eine «märchenhafte Geschichte» malen oder schreiben. «Rotkäppchen darf auch böse sein», weckt Böttinger Ehrgeiz. Mikas und Janis basteln lieber mit Ideenwürfeln daran und der zehnjährige Max will am Laptop Computerspielfiguren animieren – und Rektorin Schwarz «assistiert». (Simona Block, dpa)

Webseite der Universitätsschule Dresden

Digital, individuell, inklusiv und fächerverbindend: Die Schule der Zukunft geht an den Start

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5 KOMMENTARE

  1. Der Lehrer, der sich Lernbegleiter nennt, bringt analoge Fotos von Märchen mit und im Anschluss schreiben und malen die Kinder ein Märchen?

    Irgendwie erschließt sich mir dabei nicht, was daran neu sein soll.

    • Wie funktioniert das mit den „keine klassischen Ferien“ bei den Lehrkräften? Wenn auch die die üblichen 30 Tage bekommen sollen, brauchen die entweder ein Büro in der Schule oder echte bezahlte Heimarbeit. Der Aufwand für diese Art von Schule lohnt sich nur, wenn die Ergebnisse nach Klasse 10 signifikant besser sind als eine herkömmliche Schule mit vergleichbarer oder angenehmerer Klientel.

  2. Seien wir doch mal ehrlich: Das ganze Laborzeugs ist ja schön und gut und das wäre mit Sicherheit auch die Art zu unterrichten, die sich jeder Lehrer wünscht, trotzdem ist es totaler Schwachsinn, und der Grund liegt nicht darin, dass die Lehrer das so nicht wollen, oder die Kinder oder die Eltern, es liegt daran das keine einzige Laborschule die gleichen Rahmenbedingungen hat, wie andere Schulen.

    Wahrscheinlich kommt hier ein Lehrer auf 10-15 Schüler, wahrscheinlich wurden hier erst mal Millionen in die Ausstattung gesteckt, sprich es ist Geld geflossen. Und Geld ist der Grund, warum auch diese Laborschule nur dafür sorgen wird, dass alle denken, wie schön es doch sein könnte, und dann wieder nichts raus wird.
    Es gibt Laborschulen, seit dem ich denken kann, und angeblich hatten die grundsätzlich immer gute Ergebnisse, woran ist es jedesmal gescheitert? Geld.

    Das Schulsystem darf nichts kosten, deshalb haben wir auch das Schulsystem, was wir uns damit verdienen, da können wir Studien machen, wie wir wollen, die engagierten Lehrer, die bereit für Neues sind, arbeiten sowieso schon zu 140% an ihrem Limit, ohne Entlastung geht da gar nichts mehr!

    • Stimmt.

      Und dann wird erwartet, dass in allen anderen Schulen ganz ohne Unterstützung ein ähnlicher Unterricht erfolgt.

      Das, was dort ohnehin umgesetzt und erreicht wird, will aber niemand sehen.

  3. Ja Heinz, danke, gut auf den Punkt gebracht. Im Artikel lese ich Namen von sechs Kindern. Bei der Gruppengröße kann jeder Lehrer tollen Projektunterricht machen. Auch scheint eine digitale Ausstattung vorhanden zu sein. Bei uns gibt es immer noch nur Kreidetafeln. Die Idee mit den Urlaubstagen die man nehmen kann wann man mag (auch die Lehrer) hat eine Schule in den Niederlanden auch schon vorgemacht. Grundsätzlich klasse. Endlich nicht mehr zur teuersten Zeit des Jahres Urlaub machen.

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